Rom, im Mai 2016

Liebe Schwestern,

vor Kurzem haben wir mit dem Hochfest Pfingsten den österlichen Festkreis beschlossen und sind wieder in den „Alltag“ des Kirchenjahres eingetreten. Bevor ich mich endgültig dem Packen meiner „Siebensachen“ widme, möchte ich Ihnen noch einmal einen Gruß und einen kleinen Bericht aus Rom senden.

Wie gewöhnlich erleben wir in der „Villa“ viel Bewegung mit Kommen und Gehen. Von Anfang des Jahres an ist die Generalatsgemeinschaft kaum einmal vollständig, immer ist mindestens eine Schwester auf Reisen. Den Anfang haben Sr. María del Rosario und ich gleich im Januar und Februar mit unserem Besuch in Deutschland gemacht, Sr. Clarentia folgt nach ihren Exerzitien noch einmal für einen kurzen Wochenendtripp zur Taufe ihres Großneffen. Sr. María de los Angeles packt ihre Koffer für einen Aufenthalt gemeinsam mit Sr. María del Rosario von Anfang März bis Anfang April in Südamerika, zunächst in Uruguay-Argentinien, wo auch ein paar Tage bei der Mutter von Sr. María del Rosario eingeplant sind.

Wie Sie vermutlich wissen, wird Sr. María del Rosario von Chile, wo sie gerade angekommen war, dringend nach Argentinien zu ihrer sterbenskranken Mutter zurückgerufen. Sie trifft sie zwar noch lebend an, sprechen kann sie nicht mehr mit ihr, aber sie ist da… Wir alle sind dankbar, dass Mutter und Tochter zu Beginn des Südamerika-Aufenthaltes wenigstens noch ein paar gute Tage miteinander verbracht haben. - Anfang April kehren Sr. María de los Angeles und Sr. María del Rosario nach Rom zurück.

Im Zusammenhang mit dem Jahr der Barmherzigkeit ist Anfang Februar für ein paar Tage der Sarkophag mit den Gebeinen von Pater Pio in der Kirche St. Laurentius vor den Mauern zur Verehrung ausgestellt. Endlose Menschenschlangen stehen zum Teil stundenlang an, um diesem Volksheiligen, der in Italien hoch verehrt wird, ihre Anliegen vorzutragen. Auch Sr. Joanne und Sr. Maria Immaculata reihen sich ein in die Schar der Wartenden. Alter und ein Krückstock helfen, dass die Beiden nicht lange zu warten brauchen…

Wie gewöhnlich nehmen einige von uns während der Fastenzeit an Besinnungstagen teil, die von den verschiedenen Sprachengruppen angeboten werden. Die englischsprachigen Ordensleute begehen ihren Besinnungstag am 13. Februar mit Impulsen aus der kontemplativen Spiritualität von Thomas Merton.

Wir deutschsprachigen Schwestern treffen uns am 5. März im Generalat der Congregatio Jesu, wo uns Pater Joe Buholzer (Weißer Vater) mit dem Thema: „Jesus begegnet Frauen“ durch den Tag führt. In beeindruckender Weise lässt er Gestalten wie die Frau am Jakobsbrunnen oder Maria von Magdala zu Wort kommen, die uns tief in die Begegnung mit Jesus hineinnehmen.

Am Samstag vor Palmsonntag machen Sr. Joanne und ich eine kleine „private“ Wallfahrt zu den Kreuzesreliquien, die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins, im 4. Jahrhundert aus Jerusalem mitgebracht hat und die in der Basilika „Santa Croce in Gerusalemme“ aufbewahrt werden. Es handelt sich um ein Stück des Kreuzes Jesu, einen Nagel seiner Kreuzigung und vor allem um die mehrsprachige Inschrift, die Pilatus über dem gekreuzigten Jesus Christus anbringen ließ. Der Rückweg führt uns an der „Heiligen Stiege“ vorbei. Der Überlieferung nach ist Jesus bei seinem Prozess im Haus des Pilatus über diese Treppenstufen gegangen. 326 ist die „Heilige Stiege“ ebenfalls von der heiligen Helena aus Jerusalem hierher gebracht worden. In Erinnerung an die Leiden Christi soll die Treppe nur kniend betreten werden.

Wie alljährlich in der Vorosterzeit mehren sich bei Sr. Clarentia die „Herden“ aus gebackenen „Lämmern“ und „Hasen“, die von unseren Bekannten und Freunden gerne und dankbar in Empfang genommen werden (ebenso gerne auch von uns!), Ostern aber meist nicht lange überleben“.

Auch in diesem Jahr feiern wir nur die Gründonnerstagsliturgie in der „Villa“, zu allen anderen Gottesdiensten geht wieder jede in ihre „eigene“ Kirche. Diesbezüglich haben sich mittlerweile ziemlich feste Traditionen entwickelt. Für Sr. Clarentia und mich sind es die deutschsprachigen Gottesdienste der Jesuiten an Karfreitag und zur Osternacht jeweils in Sant’Ignazio. Ebenfalls feste Tradition ist es, dass wir uns nach der Osternachtsfeier in der Küche mit Spiegeleiern und/oder Ostergebäck stärken.

Sechs Jahre sind vergangen, seit dem letzten Treffen der Koordinatorinnen unserer Assoziierten und einiger Laienvertreterinnen. Vom 18.-26. April haben wir wieder zu einem solchen Treffen in Rom eingeladen. Am Wochenende reisen Schwestern und Assoziierte aus allen Himmelsrichtungen an. Sorgen hat uns der Zwischenfall mit dem Flugzeug unserer beiden Gäste aus Uruguay-Argentinien bereitet, die schließlich am Dienstagabend – Gott sei Dank wohl behalten – in Rom ankommen. Wegen Rauch an Bord war das Flugzeug nach Fortalezza in Brasilien umgeleitet worden und musste dort auf einem für die große Maschine (sie hatten 258 Menschen an Bord) eigentlich zu kleinen Flugplatz notlanden. Das Landemanöver unter dem Schutz eines Großaufgebotes der Feuerwehr wurde sogar in den regionalen TV-Nachrichtensendungen gezeigt. – Die Organisation der Weiterreise für die vielen Fluggäste braucht Zeit, und so dauert es, wie gesagt, bis Dienstagabend, bis wir Sr. Marisol und ihre Begleiterin in Empfang nehmen können.

Sr. Marisol erzählt: Es war nicht nur Rauch, sondern tatsächlich ein Feuer im vorderen Bereich des Flugzeugs. Welche Ursache und wo genau, weiß sie nicht. Die Stewardessen seien zu ihr gekommen und hätten gefragt, ob sie betete, was sie bejaht hat. Auch jemand von den Mitreisenden habe sie später angesprochen, was sie in der kritischen Zeit gemacht hätte. Die betreffende Frau sagt von sich, sie hätte nur an ihre Kinder gedacht, an Gott oder „irgend so etwas“ glaubte sie nicht. – Busse bringen dann die vielen Passagiere in mehreren Etappen zu Hotels und am nächsten Tag nach Rio de Janeiro, wo sie auf verschiedene Fluggesellschaften verteilt werden. Unsere Beiden kommen schließlich mit Lufthansa über Frankfurt nach Rom (ursprünglich mit Iberia über Madrid geplant). Ihr Gepäck ist allerdings buchstäblich irgendwo auf der Strecke geblieben. So nehmen wir erst einmal „Augenmaß“, und schauen, womit wir aushelfen können. Für die Frau entdecken wir etwas zum Anziehen im Vorrat für unseren Weihnachtsmarkt, die „Kleiderprobe" folgt. – Die Koffer kehren schließlich am späten Mittwochabend zu ihren Besitzern zurück.

Unter der Leitung von Sr. Joanne findet sich die Gruppe der Koordinatorinnen und der Assoziierten schnell zusammen. Viel Raum nehmen das gegenseitige Kennenlernen und der Austausch über das Was und Wie in den verschiedenen Assoziierten-Gruppen in den Provinzen, Regionen und in der Philippinischen Delegation ein. Im Laufe der Tage erarbeiten die Teilnehmerinnen Empfehlungen, die dem Erweiterten Generalrat im Juni vorgelegt werden sollen.

Ein besonderes „Highlight“ ist gleich am Dienstag die Wallfahrt zur Heiligen Pforte beim Petersdom, gefolgt am Mittwoch von der Teilnahme an der Audienz mit dem Heiligen Vater. An weiteren Tagen ist Zeit eingeplant für Besuche in St. Paul vor den Mauern, in der Lateran-Basilika und in Maria Maggiore. - Für einige Teilnehmerinnen ist es der erste Aufenthalt in Rom.

Am späten Freitagnachmittag kommen einige unserer römischen „Amici“, um sich mit den Assoziierten und den Koordinatorinnen, insbesondere mit Schwester Maria Dolores zu treffen. Die römische Gruppe unterstützt seit mehreren Jahren unsere Blindenarbeit auf den Philippinen, so nimmt Sr. Maria Dolores die Gelegenheit gerne wahr, den „Amici“ zu danken und „aus erster Hand“ über den Fortgang der Blindenarbeit zu berichten.

Um beim Schwesterntag dabei zu sein, reist Sr. Cecilia am 21. April nach Paderborn zurück. Vor allem für Sr. DeSales war Sr. Cecilia mit ihren Kenntnissen, nicht nur in Bezug auf die italienische Sprache, eine wichtige Unterstützung.

Die gemeinsame Arbeit der Koordinatorinnen und der Assoziierten ist bereits am Samstag abgeschlossen, so können die Teilnehmerinnen den Montag nach eigenen Vorstellungen gestalten. In Italien ist dieser Tag, der 25. April, ein Feiertag: Italien begeht den Jahrestag der Befreiung vom Faschismus und der Besetzung durch die Nationalsozialisten, und es wird der Opfer des Zweiten Weltkriegs gedacht. Es ist ein Tag, der bei uns Deutschen gemischte Gefühle auslöst. Ich denke daran, wie oft ich auf meinem Weg „um den Block“ oder in den Metro-Stationen oder sonst wo an italienischen Soldaten vorbeikomme und wir uns gegenseitig freundlich grüßen. Wären wir in Kriegszeiten, sähe das wohl anders aus…

Reich an Eindrücken reisen Assoziierte und Koordinatorinnen, jetzt unter Leitung von Sr. Adalberta, am frühen Morgen des 26. April nach Paderborn. Die besonderen „Highlights“ dort sind die Ordensjubiläen und der Festtag Mutter Paulines, die sie im Mutterhaus miterleben und mitfeiern. Weitere Höhepunkte sind wie gewöhnlich die Besuche in Borchen und Wewelsburg und insbesondere bei Familie von Mallinckrodt in Böddeken.

Auch in Rom begehen wir mit großer Freude, jedoch mit ziemlich eingeschränkten stimmlichen Möglichkeiten, den Gedenktag Mutter Paulines. Gleichzeitig feiert an diesem Tag Sr. María del Rosario ihren Geburtstag und für Sr. Clarentia beginnt das Jubiläumsjahr in Vorbereitung auf ihr 60-jähriges Ordensjubiläum.

Für Samstag, den 21. Mai hat Sr. Maria Immaculata eine Wallfahrt mit der Pfarrei und Pater Vittore als Begleiter geplant. Sehr früh am Morgen brechen wir – außer Sr. María del Rosario und Sr. DeSales - mit rund 40 Personen im großen Bus (was sich auf den schmalen, kurvigen Straßen der Abruzzen für den Busfahrer als schwierig und anstrengend erweist) nach Manopello auf, einer kleinen Abruzzen-Gemeinde zum „Santo Volto“, dem „Heiligen Antlitz“. Dabei handelt es sich um eine Stoff-Ikone mit dem Antlitz Jesu, das von vielen als das Schweißtuch der Veronika angesehen wird. In Manopello wird das Bildnis als Reliquie verehrt.

Bei Wikipedia finde ich folgende Erläuterung (hier in kurzer Zusammenfassung): Seit dem 17. Jahrhundert in der Kapuzinerkirche Santuario del Volto Santo aufbewahrt, wird das „Heilige Antlitz“ seit den 1960er Jahren in einem doppelseitig verglasten Reliquiar über dem Altar gezeigt. Bei dem Gewebe handelt es sich vermutlich um Byssus (Muschelseide). Dieser Stoff war in der Antike und im Mittelalter einer der kostbarsten überhaupt und gilt als nicht bemalbar und nur leicht färbbar.

Der Schleier zeigt das Gesicht eines Mannes mit langen Haaren, Bart, geöffneten Augen und leicht geöffnetem Mund. Auf dem Gesicht sind rötliche Flecken sichtbar, die als Wunden durch Folterungen oder Geißelung interpretiert werden können.

Der Kunsthistoriker Heinrich Pfeiffer ist nach zwanzigjähriger Forschung zum Schleier von Manoppello überzeugt, dass es sich bei dem Tuch um das eigentliche Sudarium bzw. das Schweißtuch der Veronika handelt, der einst wichtigsten und meistverehrten Reliquie der Christenheit. Offiziell befindet sich das seit dem Jahr 708 in Rom bezeugte Tuch in der Kapelle innerhalb des Veronika-Pfeilers im Petersdom, der über dem Grundstein der Kirche errichtet wurde. Pfeiffer kommt aufgrund ikonografischer Untersuchungen zu dem Schluss, dass das Schweißtuch der Veronika seit dem Abriss der alten Petersbasilika 1508 oder dem Sacco di Roma 1527 verschwunden und durch ein anderes Tuch ersetzt worden sei. - Nach der örtlichen Überlieferung wurde das Volto Santo bereits um 1506 von einem Unbekannten nach Manoppello gebracht, bezeugt ist es dort seit 1638, als es den Kapuzinern übergeben wurde.

Bemerkenswert ist, dass der Schleier von Manoppello wie das Grabtuch von Turin einzigartig zu sein scheint; die Kunstgeschichte kennt kein gleichartiges Bildnis. Bei Kunstlicht wirkt es wie gemalt, bei Naturlicht beinahe vollkommen transparent, bei wechselndem Lichteinfall erscheint es plastisch und lebendig. Die Farben des Schleiers changieren zwischen verschiedenen Gold-, Bronze-, Braun- und Rottönen, ähnlich wie die Farben auf einem Schmetterlingsflügel. (Soweit aus dem Artikel bei Wikipedia)

Wenn man vor dem Bildnis steht, vergisst man sehr schnell alle theoretischen Überlegungen und ist nur noch fasziniert und berührt von diesem Gesicht, diesen Augen, die einen da anschauen. Beeindruckt hat uns vor allem, wie sehr verschiedenes Licht den Ausdruck des Gesichtes verändert. Eine Ordensschwester, die in der Kirche mitarbeitet, erläutert uns sinngemäß: In diesem Santo Volto finden wir die bildliche Darstellung des Johannesevangelium und das „Vera Ikon“, das wahre Antlitz des Gottessohnes, Jesus Christus, das sich in dieser Muschelseide verewigt hat. Komm und sieh und dann entscheide dich, ob du glauben willst… Während der Messe, die Pater Vittore mit uns feiert, haben wir das „Santo Volto“ weiter vor Augen.

Nach einem vorzüglichen Mittagessen in einem Agroturismo-Gasthaus machen wir einen Abstecher nach Sulmona, der Konfettistadt. Wer als Nichtitaliener das Wort „Confetti“ hört, denkt zumeist an die kleinen bunten Schnipsel, die beim Lochen von Papier entstehen. In Sulmona entstehen Confetti als kleine Süßigkeiten aus einer Mandel, die mit Schokolade und einer weißen oder farbigen Zuckerglasur umgeben sind. Diese „Dragees“ werden entweder als Einzelstücke aufwändig in Tüll verpackt und verziert, zu kleineren oder größeren „Margeriten-“, „Sonnenblumen-“, vielfarbigen Blumenbouquets oder als „Weintrauben“, „Schmetterlinge“, „Taufengel“ oder sonst wie phantasievoll arrangiert. So sehen wir sie in vielen Auslagen der Geschäfte und in einer Fabrikationsstätte, wo wir beim Herrichten und Dekorieren zuschauen und im Museum auch einen Blick in die Entstehung der Confetti werfen können. Anlässe, um sich Confetti zu schenken sind vielfältig: Verlobung, Hochzeit, Kindtaufe, Prüfung … [Sr. Adalberta hat ein paar „Blumensträuße“ aus Sulmona auf unsere Website (Fotogalerie) gestellt.]

Bevor ab dem 27. Mai die Schwestern zur Erweiterten Generalratskonferenz anreisen, machen wir, das heißt die Mitglieder des Generalrats, am Nachmittag des 26. Mai eine Wallfahrt nach Mentorella, einem Marienheiligtum 1000 Meter hoch auf einem Berg, ca. 50 Kilometer von Rom entfernt. Auf dem Weg dorthin haben wir einen kurzen Halt in der Villa „San Pastore“ eingeplant, dem Sommerhaus der Germaniker. Die meisten von Ihnen kennen vermutlich das Bild von Sieger Köder: „Das Mahl der Sünder“. Der Künstler hat es 1973 vor Ort für den Speisesaal von „San Pastore“ gemalt und Personen an den Tisch gesetzt, die dort bekannt sind. Es ist ein beeindruckendes Bild, das so manche Vorstellung und Einstellung relativiert und revidiert … Nicht mehr zu definieren, wer Sünder ist und wer nicht, sondern nur dankbar zu sein, wenn man selbst zu den von Jesus Eingeladenen gehört und mit ihm Gemeinschaft haben darf. Der Schlüssel zum Verständnis der Darstellung ist das Bild im Bild: der barmherzige Vater mit seinen beiden Söhnen, dem heimgekehrten und dem daheimgebliebenen. [Im Internet gibt es einen lesenswerten Artikel, den Sieger Köder selbst geschrieben hat: Das Fest der Narren. Zur Geschichte meines Bildes „Das Mahl der Sünder“.]

Mentorella erreichen wir anschließend über immer engere und kurvenreiche Straßen. Die Geschichte des Ortes ist verbunden mit der Bekehrung des hl. Eustachius und geht bis auf das 2. Jahrhundert nach Chr. zurück. Zu Ehren des Märtyrers Eustachius errichtet Konstantin hier eine Basilika. Möglicherweise gehört Mentorella zu den ersten zwölf von Benedikt selbst gegründeten Klöstern. - Heute ist Mentorella vor allem Ziel der Gläubigen zur „Madonna delle Grazie“, der gütigen Muttergottes – deren hölzerne Statue sich seit dem 13. Jahrhundert in der Kirche hinter dem Altar befindet. Wir verbringen eine gute Zeit bei der Madonna delle Grazie und feiern mit zwei polnischen Patres, die die Wallfahrt auf dem Berg betreuen, die heilige Messe. Anschließend erkunden wir die Grotte, in der der hl. Benedikt zwei Jahre gelebt hat und genießen die weite Sicht über Berge und Städte.

Auch wenn es sicher noch viel mehr zu berichten gäbe, möchte ich schließen - mit Blick auf meinen Abschied von Rom und meinen Neubeginn in Paderborn - mit ein paar Zeilen aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Bald werden wir uns in Deutschland wiedersehen.

Mit herzlichen Grüßen und Wünschen

Ihre/Eure Sr. Angelika

Liebe Schwestern,

auch in diesem Jahr konnte ich an der Seminarwoche: „Option für die Armen“ vom 1.-5. Februar 2016 in Münster teilnehmen. Im Folgenden schicke ich Ihnen einen kurzen Bericht und grüße Sie mit besten Segenswünschen für die Fastenzeit.

Ihre Sr. Angelika

„Flucht nach und Migration in Europa“

so lautet das Thema, das uns – das sind rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (Sozialarbeiter/innen, Ordensleute, Studierende und Lehrende der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster) - in diesem Jahr zum 26. Kontaktseminar „Option für die Armen“ in der KatHo in Münster zusammengeführt hat. Es ist ein Thema, das aufgrund seiner Aktualität besonders auf den Nägeln brennt. Die Organisation und Programmgestaltung der Begegnungswoche haben wieder Frau Prof. Dr. Andrea Tafferner (KatHO Münster) und Bernd Mülbrecht, Leiter des Hauses der Wohnungslosenhilfe in Münster, übernommen.

Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin

Angeregt durch diese Gedichtzeilen spüren wir in einer ersten Annäherung an das Thema der Seminarwoche dem eigenen Bedürfnis nach Verwurzelt-Sein und Beheimatung nach.

Noch kategorischer als Hilde Domin drückt es die französische Philosophin Simone Weil aus:
„Verbrecherisch ist alles, was ein menschliches Wesen entwurzelt oder es verhindert, Wurzel zu fassen“. Für sie ist die Verwurzelung „wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Was brauchen Menschen, die aufgrund von Kriegen oder aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen haben und entwurzelt sind? Wie kann ihnen wieder Sicherheit und Stabilität gegeben werden?

Welche Eigenschaften, welche Fähigkeiten, welche Kenntnisse brauchen die professionellen, wie die ehrenamtlichen Helfer? Aber auch: Welchen Fragen, Schwierigkeiten, Vorurteilen, Ängsten… angesichts der großen Anzahl von Flüchtlingen müssen wir uns stellen?

Diese und viele weitere Themen und Fragen beschäftigen uns in den folgenden Tagen.

Flucht und Migration müssen nicht zwangsläufig krank machen, aber durch Folter oder andere belastende Ereignisse vor, während oder nach der Flucht, existenzielle Verunsicherung, Entwurzelungserleben, Schuldgefühle, Sorgen um Verwandte im Heimatland... können psychische Störungen und Destabilisierung ausgelöst werden. „Refugio“ ist eine Beratungs- und Therapieeinrichtung in Münster für traumatisierte Flüchtlinge. Zwei Mitarbeiter der Einrichtung - ein Psychotherapeut und eine Sozialarbeiterin –stellen ihre Tätigkeit vor.

Das Angebot von „Refugio“ umfasst u.a.: Erstgespräche / Clearings, individuell abgestimmte Stabilisierung und Therapie, Gruppenangebote, Psychosoziale Beratung sowie therapiebegleitende sozialarbeiterische Angebote, Therapieplatzvermittlung.

Wie kann die Kommunikation in den Beratungs-, bzw. therapeutischen Gesprächen ermöglicht werden?, ist eine unserer Fragen. Mehr als dreißig so genannte Sprachen- und Kulturmittler (meist Menschen aus dem entsprechenden Kultur- und Sprachbereich) stehen „Refugio“ zur Verfügung, aber trotzdem sind nicht alle erforderlichen Sprachen abgedeckt. Ggf. müssen Dolmetscher eingesetzt werden. Nicht selten sind die Betroffenen (zunächst) nicht in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Das wiederum hat oftmals Auswirkungen, ob einem Asylantrag entsprochen wird oder nicht.

Bei aller notwendigen professionellen Hilfe für traumatisierte Menschen empfehlen die beiden Referenten allen Ehrenamtlichen, tragfähige soziale Netze zu bauen, in denen sich die Flüchtlinge und Migranten neu beheimaten können und die normalerweise vorhandenen Ressourcen „wiederzubeleben“. Gemeinsames Spielen, Musik, Stadt erkunden … können Brücken bauen, wo es (noch) an Sprache fehlt.

„Europa. Brücke. Münster“ – so heißt eine neue eigenständige Beratungsstelle der Bischof-Hermann-Stiftung in Münster. Es handelt sich um ein Hilfsangebot für Migrant/innen aus der EU und wird gefördert mit Geldern aus dem Europäischen Hilfsfond für besonders stark benachteiligte Personen (EHAP).

Den Blick auf weltweite humanitäre Flüchtlings- und Katastrophenhilfe lenkt Prof. Dr. Joachim Gardemann. Er leitet das „Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe“ an der Fachhochschule Münster und ist seit 20 Jahren als Kinderarzt mit der internationalen Nothilfe des Roten Kreuzes weltweit im Einsatz. „Wenn du einen Menschen gerettet hast, hast du die Welt gerettet“ (Talmud), und „wer die Befähigung hat, muss entsprechend handeln“, das ist bei seiner tiefen Gläubigkeit seine Überzeugung.

Dr. Gardemann gibt uns zunächst einen Überblick über die theoretischen/gesetzlichen Grundlagen humanitärer Hilfe, wie die Genfer Flüchtlingskonvention, die Humanitäre Charta und Mindeststandards in der humanitären Hilfe“ des „Sphere Projects“. Schnell wird uns klar, dass die weltweit gültigen, von der UN festgelegten internationalen Mindeststandards an Wasser- und Sanitäranlagen, Nahrung und Unterkunft, die jedem Menschen zustehen, vor allem für Flüchtlinge vielfach deutlich unterschritten werden.

An einem Modell aus Holzbausteinen veranschaulicht Dr. Gardemann, wie wir uns Planung und Aufbau eines Flüchtlingslagers zum Beispiel in Afrika und dann die praktische Arbeit dort vorzustellen haben.

Auch Fragen der Flüchtlingspolitik kommen zur Sprache. Am Beispiel „Kirchenasyl“ verdeutlicht Benedikt Kern (Institut für Theologie und Politik in Münster), dass Kirchenasyl nicht nur als äußerstes Mittel im Einzelfall dienen, sondern auch auf generelle Probleme der Flüchtlingspolitik aufmerksam machen kann.

Am Donnerstag schließlich vermittelt uns der Leiter des Sozialdienstes für Flüchtlinge in Münster, Thomas Schulze auf´m Hofe, einen Einblick in die Lebens- und Alltagssituation von Flüchtlingen in Münster. Der Referent erklärt nachdrücklich, wie wichtig gerade in diesem sensiblen Bereich die Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Bürgerschaft ist. Um Transparenz und Akzeptanz zu schaffen, wird neben der fachlichen Betreuung der Flüchtlinge viel Zeit und Engagement in Öffentlichkeitsarbeit (Kommunikation, Information und Vernetzung in den jeweiligen Stadtteilen) investiert.

Am Nachmittag können wir uns bei einem Besuch in der kommunalen Erstaufnahme-Einrichtung auf einem ehemaligen Kasernengelände selbst einen kleinen Eindruck verschaffen, wie die Stadt Münster versucht, möglichst gute, angemessene Startbedingungen zu bieten. Wir sehen in einer der ehemaligen englischen Kasernen die Räumlichkeiten, die den ankommenden Flüchtlingen wenigstens ein Mindestmaß an Privatsphäre bieten. Küchen- und Waschmöglichkeiten müssen allerdings in Containern vor dem Gebäude untergebracht werden, weil die Wasserleitungen im Haus marode sind und nicht so schnell saniert werden können. In einem weiteren, zentral gelegenen Gebäude sind Arbeits-, Gesundheitsberatung und Informationszentrum untergebracht, zusätzlich Klassenräume, in denen außer Schulunterricht für die Kinder auch Sprachunterricht stattfindet und eine Kita für die Kleinen. Wir treffen ein paar Kinder, die unvoreingenommen auf uns zukommen und ihre frisch erworbenen Deutschkenntnisse an uns ausprobieren. An der Wand hängen selbstgeschriebene „Steckbriefe“ der größeren Kinder mit Bildern und Angaben über Herkunft, zurückgelassene Freunde, Vorlieben, Hobbies, Tiere… Das zu lesen, berührt sehr schmerzlich.

Der Donnerstag klingt aus mit einer gemeinsamen Messe in „unserem“ Tagungsraum, gefolgt von einem Abendessen und einem gemütlichen Teil. Schließlich ist „Weiberfastnacht“.

Der Freitagvormittag dient der Auswertung und dem Ausblick auf das nächste Kontaktseminar 2017. Als beeindruckend haben wir die Begegnungen mit den sehr engagierten Referenten, aber auch den Mitarbeitern in der Erstaufnahmeeinrichtung erfahren, die zeigen, was möglich ist, wenn Menschen mit ganzem Herzen und viel Menschenfreundlichkeit bei der Sache sind. Herr Schulze auf’m Hofe hat es ermutigend auf den Punkt gebracht: „Es ist schon schwierig, aber es geht trotzdem.“

Nicht nur die sehr überzeugenden Organisatoren und Referenten, das gute Miteinander der gesamten Gruppe, sondern auch das Ambiente als Ganzes (die morgendlichen Impulse, die mit Frühjahrsblühern freundlich gestalteten Räume, der immer neu gefüllte Korb mit Äpfeln als Pausenspeise und vieles andere mehr) machen das Besondere dieser Woche aus. „Aus diesem Grund erlebe ich das Kontaktseminar nie nur als Fortbildung, sondern immer als spirituell“, so hat es eine der Teilnehmerinnen zusammengefasst.

Danke den Veranstaltern!

Seiten mit weiterführenden Informationen:

Website der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen; Aktuelle Nachrichten aus der Abteilung Münster: http://www.katho-nrw.de/muenster/

The Sphere Project. Humanitarian Charter and Minimum Standards in Humanitarian Response: www.sphereproject.org

Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe an der FH Münster:
www.fh-muenster.de/humanitaere-hilfe/index.php

Refugio Münster – Psychosoziale Flüchtlingshilfe: www.refugio-muenster.de

Münster für Flüchtlinge:www.muenster.de/fuer_fluechtlinge.html

Rom, 18. Dezember 2015

Liebe Schwestern!

Nach meinen „Tagebuch-Notizen“ zu meinem Besuch in Quezon-City bei unseren Blinden und zu unserem Aufenthalt in Südamerika anlässlich der Erweiterten Generalratskonferenzen in Montevideo (Uruguay) und unserer Besuche bei den Mitschwestern in Argentinien und Chile, sende ich Ihnen heute ein paar Notizen zu dem, was sich seit unserer Rückkehr Anfang November in der „Villa“ und in Rom so tut.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr besuche ich am 9. November ein UISG-Treffen, das eine der Schwestern zur Enzyklika „Laudato Sí“ vorbereitet hatte. In einem geistlichen Austausch, aber auch mit praktischen Überlegungen, beschäftigen wir uns mit Aussagen des Textes und passend dazu ausgewählten Bildern.

Am folgenden Tag begrüßen wir Herrn Mette, den Bruder von Sr. Adalberta als Gast für eine Woche in unserem Haus. Herr Mette ist Mitorganisator eines großen Treffens in Rom, das zum 50. Jahrestag des „Katakombenpaktes“ stattfindet. „Hoffnung und Widerstand - Katakombenpakt erinnern und erneuern! Das „geheime“ Vermächtnis des II. Vatikanischen Konzils“, so lautet der Titel der Veranstaltung. Schwester Adalberta besucht die feierliche Abschlussmesse in den Domitilla-Katakomben, Jon Sobrino SJ, ein bekannter Befreiungstheologe, hält die Predigt. Sobrino entging 1989 dem Anschlag auf seine Jesuitenkommunität in El Salvador, weil er außer Landes war, als sechs seiner Mitbrüder, eine Mitarbeiterin und ihre 15-jährige Tochter ermordet wurden.

Wenige Tage später kommt Konrad, einer von Schwester Clarentias Brüdern, in Rom an, er hat sich angeboten, beim „Mercatino“ am Christkönigs-Wochenende, 21./22. November zu helfen. Am Samstagmorgen ist fast der gesamte Konvent, einschließlich Konrad in der Küche versammelt und wir rollen, backen, füllen, zuckern und stapeln rund 650 „Berliner“. Den Teig hatte Sr. Clarentia in mehreren großen Schüsseln schon vorbereitet. Nach knapp zwei Stunden sind alle 650 „Berliner“ bereits am Samstagnachmittag verkauft. Wie immer finden besonders die verschiedenen Marmeladen, Liköre, Kuchen, Plätzchen, eingelegte Gemüse und Gewürze schnell ihre Abnehmer, ebenso wie gute Kleidung aus einem Nachlass und andere nützliche und hübsche Sachen. Wie schon an anderer Stelle berichtet, ist der „Mercatino“ auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg.

Sr. Adalbertas Geburtstag am 22. November feiern wir an einem anderen Tag nach. Noch in der gleichen Woche, am vierten Donnerstag im November, ist Thanksgiving Day, der traditionell mit einer feierlichen Dankmesse und auch bei uns mit dem obligaten „Turkey“, dem gebratenen Truthahn begangen wird.

Im „Jahr der Orden“ hat der Vatikan die Ordensgemeinschaften zu einem Besuch der Vatikanischen Museen eingeladen. Wir nehmen die Gelegenheit am 2. Dezember wahr und verbringen einen interessanten Nachmittag in den „unendlich“ vielen Abteilungen und schließlich in der Sixtinischen Kapelle als krönendem Abschluss.

Der 8. Dezember ist in der „Villa“ immer ein „Doppelfest“: wir feiern unser Titularfest und Sr. Maria Immaculatas Namenstag. Soweit eben möglich, verfolgen wir am Fernsehen bzw. an den Computern die Papstmesse zur Eröffnung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit und die Öffnung der Heiligen Pforte. Vermutlich einmalig in der Geschichte ist sicher die Tatsache, dass zu diesem Anlass zwei Päpste anwesend sind. Schön, dass wir dank der Übertragung auch Papst emeritus Benedikt XVI. noch einmal sehen. – Nach dem Abendessen fahren wir zum Petersplatz, um uns eine Bildershow zur Eröffnung des Heiligen Jahres anzuschauen. Der Petersplatz ist weiträumig abgesperrt, jeder Besucher muss durch die Polizeikontrollen entweder vor der Porta Angelica oder an anderen Stellen. Es herrscht ein ungeheures Gedränge von ankommenden und weggehenden Zuschauern. Mit einiger Mühe finden wir schließlich gute Plätze direkt vor dem Petersplatz, von wo aus wir die Fassade des Petersdomes voll im Blick haben. Mit Dutzenden von Projektoren werden in einer Art von überdimensionalem Powerpoint Bilder und Filme zur Enzyklika Laudato Sí auf die gesamte Breite und Höhe, einschließlich Kuppel der Basilika projiziert. Zum Motto „Unser gemeinsames Haus“ sehen wir Bilder von Natur und Menschheit, Schöpfung und Zerstörung, Vergehen und neuem Werden: Tiere, Pflanzen, Menschen, aber auch Abfallberge … ein einziger Löwe oder ein riesiger Schmetterlingsschwarm füllt die gesamte Fassade … Dreimal hintereinander, jeweils eine Stunde lang, läuft jede der grandiosen Präsentationen.

In dieser Woche bleibt nicht viel Zeit zum Arbeiten. Gleich zwei Tage später finden sich Sr. Adalberta und ich in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl ein, die Botschafterin, Frau Schawan hat wie jedes Jahr die deutschsprechenden Schwestern zum Adventskaffee eingeladen. Rund 40 Schwestern sind der Einladung gefolgt. Es ist ein angenehm warmer Nachmittag, und so beginnen wir unser Treffen im Garten der Botschaft, wo noch die Rosen blühen. Im Jubiläumsjahr der heiligen Teresia von Avila liest uns Botschaftsrat Kleindienst Weihnachtstexte aus ihren Werken vor. Für den Botschaftsrat ist es die letzte Begegnung mit den Schwestern in diesem Rahmen, er kehrt aus gesundheitlichen Gründen nach Augsburg zurück. Zum Abschluss dieses stimmungsvollen Nachmittags mit einer großzügigen Kaffeetafel, guten Gesprächen miteinander, Advents- und Weihnachtsliedersingen schenkt uns Frau Schawan ein Buch, in dem Papst-Reden vor der UNO gesammelt sind. Es sind interessante Zeugnisse, die viel vom „Programm“ des jeweiligen Papstes deutlich machen.

Von Freitagnachmittag bis Samstagabend nehme ich in der Gregoriana, der Jesuiten-Universität in Rom an einer Veranstaltung teil, die ausnahmsweise (vorwiegend) in Deutsch stattfindet. Anlass ist der Abschluss des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren: Aggiornamento – damals und heute. Eine Perspektive für die Zukunft. In der Einladung zu dieser Veranstaltung, die gemeinsam mit der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl organisiert wird, heißt es u. a.: Welche Impulse des II. Vatikanischen Konzils sind für die Zukunft der Kirche von besonderer Bedeutung? Wie verändert das Pontifikat von Papst Franziskus unser Verständnis vom Konzil? Die Vorträge der Referenten, u. a. Prof. Dr. Peter Hünermann, Prof. Dr. Margit Eckholt (Osnabrück), Prof. Dr. Tomáš Halík (Prag), Prof. Dr. Carlos María Galli (Buenos Aires) und die Podiumsgespräche stellen immer wieder die Bedeutung des bislang wenig bekannten „Katakombenpaktes“ als Schlüssel für die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse heraus und betonen die Rolle, die Papst Franziskus dabei spielt.

Wir drei Deutschen in der „Villa“ und Sr. María del Rosario machen uns am Sonntag auf den Weg zum Germanicum. In diesem Jahr haben die Germaniker am Gaudete-Wochenende zu einer Theater-Vorstellung eingeladen, auf dem Programm steht Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“. Es geht um einen Richter, der über etwas zu Gericht sitzen muss, was er selbst begangen hat. Bei aller Komik ist der ernste Kern nicht zu übersehen. – Es ist eine sehr gelungene Aufführung. Ganz nebenbei wird beim Theaterspiel schon seit Jahren „Basisökumene“ betrieben: die weiblichen Rollen werden jeweils von Studentinnen der Melanchthon- oder der Waldenser Akademie übernommen.

Am Montagmorgen fahren wir Schwestern der Generalleitung in Richtung Vatikan, um als Gruppe gemeinsam die Heilige Pforte am Petersdom zu durchschreiten. Schwester María del Rosario hatte ein paar Tage vorher den Antrag an die zuständige Stelle im Vatikan gerichtet, pünktlich war die Bestätigung mit der Genehmigung für Montag, 10.00 Uhr erfolgt. Einzelne wie Gruppen sollen sich vorher anmelden. In der Nähe der Engelsburg erhalten wir ein Pilgerkreuz und ein paar kurze Einweisungen. Es ist (noch) nicht viel Betrieb, so dürfen wir früher losgehen. Als Prozessionsweg für Pilger ist ein Streifen von der Via Conciliazione abgetrennt. Zahlreiche freiwillige Helfer stehen bereit, viel Polizei ist präsent. [In den Kirchen seien mehr Polizisten als Gläubige, schrieb voriger Tage eine Zeitung.] Jede von uns trägt eine Zeitlang das Kreuz, auch zwei junge Leute aus Nordamerika, die sich uns angeschlossen haben, übernehmen zwischenzeitlich „unser“ Kreuz – ein sehr symbolträchtiges Bild, denke ich dabei… Ohne Ausnahme müssen alle Pilger die Kontrolle beim Petersplatz passieren. – Vieles ist mir auf dem Weg durch den Kopf gegangen, besonders in dem Moment, wo ich wirklich auf der Schwelle der Heiligen Pforte stehe. Durch eine Tür gehen – etwas hinter sich lassen, etwas Neues tut sich auf. „Ich bin die Tür“, hat Jesus von sich gesagt. „Wohin?“ Zugang zu seinem Herzen - in die Barmherzigkeit Gottes. - „Ihr wisst den Weg!“ - Ja, hoffentlich! – Dass auch andere bei uns eine offene (Herzens-)Tür finden! - Vor dem Hauptaltar ist ein Kreuz aufgerichtet, hier beten wir noch eine Weile, ehe dann jede ihre eigenen Wege geht.

Die täglichen Nachrichten und ein Gang durch Rom machen mir bei der unübersehbaren Polizei- und Militärpräsenz bewusst, wie bedroht Leben sein kann, nicht nur durch Krankheit und Unfälle. So haben wir es gerade hautnah erfahren mit dem völlig unerwarteten Tod von Arni in Manila und der Diagnose für Sr. DeSales.

Gott sei Dank gibt es aber doch auch die wohltuenden Lichtblicke wie Papst Franziskus oder die Franzosen, die sich plötzlich zu den Wahlurnen aufraffen und damit LePen verhindern, den Pariser Klimavertrag, und noch viele andere positive Zeichen… Nur Weihnachtsstimmung oder doch ein Wandel???

Mit dem folgenden Segenstext von Jörg Zink möchte ich Ihnen/Euch allen meine guten Wünsche für Weihnachten und das neue Jahr aussprechen. Möge 2016 ein Jahr werden, in dem wir gleichermaßen Barmherzigkeit erfahren und schenken können, und dass alle Menschen guten Willens nicht nachlassen, sich um Frieden zu bemühen.

In herzlicher Verbundenheit

Sr. Angelika

 

Segen - das ist die Kraft, die bewirkt, dass etwas wächst und gedeiht.

Wenn wir einander eine gesegnete Zeit wünschen, dann bedeutet das, es möge in dieser Zeit etwas in jedem von uns wachsen, etwas Schönes, etwas, das uns glücklich macht.

Es bedeutet aber auch, es möge in uns selbst etwas wachsen und gedeihen, sodass aus uns mehr wird, als wir vorher waren.

Und es bedeutet, es möge durch uns und unsere Bemühung etwas wachsen und reifen in anderen Menschen.

Wenn wir einander ein gesegnetes Weihnachtsfest wünschen, dann ist der Sinn dieses Wunsches der, dass der neue Mensch, der Christusförmige, in jedem von uns lebendig wird und wächst und ans Licht kommt.

An Weihnachten geht es nicht nur um die Geburt Christi vor 2000 Jahren in Bethlehem.

Es geht vor allem darum, dass dieser Christus in uns Raum gewinnt und durch uns wirkt.

So sagt der Wunsch: "Gesegnete Weihnachten!": Möge die Heilige Nacht in dir diesen neuen Menschen, den Christus in dir, wecken und zur Welt bringen.

                                                                                              Jörg Zink

Liebe Schwestern,

wie auch bei größeren Reisen in früheren Jahren möchte ich Sie/Euch dieses Mal gerne ein wenig an den Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lassen, die wir in Südamerika gemacht haben bei unserem Aufenthalt in Montevideo, anlässlich der Erweiterten Generalratskonferenzen und anschließend bei unseren Besuchen bei den Schwestern in Argentinien und Chile.

Was Bilder betrifft, möchte ich auf die Bilder verweisen, die Sr. Adalberta bereits auf die Website des Generalates gesetzt hat.

Mit herzlichen Segenswünschen, auch für die nun beginnende Adventszeit

Ihre/Eure

Sr. Angelika

Südamerika, 07.10.-05.11.2015 - Reisenotizen

URUGUAY

07.10.2015

Im August bin ich von den Philippinen nach Rom zurückgekehrt, nun sind wir auf dem Weg nach Südamerika. In Montevideo (Uruguay) findet vom 11.-19. Oktober die Erweiterte Generalratskonferenz statt.

Im Internet lese ich über Uruguay und Montevideo: Uruguay … ist das zweitkleinste spanischsprachige Land in Südamerika, im Norden grenzt es an Brasilien, im Osten an den Atlantischen Ozean, im Süden an den Río de la Plata und im Westen an Argentinien. Von der Fläche ist es halb so groß wie Deutschland. Die Gesamteinwohnerzahl des Landes beträgt rund 3,5 Millionen.Montevideo, die Hauptstadt, ist mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern die einzige Großstadt und auch wichtigste Hafenstadt des Landes. Sie konzentriert nicht nur fast die Hälfte der Bevölkerung, sondern auch die Industrie und den Handel des Landes.
(Aus „Wikipedia“)

Sr. Maria Ancilla ist am Dienstag nach Rom gekommen, so können wir gemeinsam reisen. Beim Start nach Madrid, kurz nach 19.00 Uhr ist es bereits dunkel. Von meinem Fensterplatz aus fällt mein Blick immer wieder auf kleinere und größere Ortschaften und Städte, die mit ihrer Straßenbeleuchtung wie riesige Weihnachtsbäume im Lichterkettenschmuck wirken.

Madrid, unseren Zwischenstopp erreichen wir nach etwa drei Stunden. Mit einer Flughafenbahn, langen, langen Fußwegen und über Rolltreppen rauf und runter erreichen wir unser Abfluggate nach Montevideo, kurz nach Mitternacht heben wir ab. Wir erleben einen weitgehend ruhigen Flug, nur über Brasilien packen uns ein paar sehr heftige Turbulenzen. Da wird uns wieder einmal deutlich, wie wichtig es ist, in einem solchen Moment angeschnallt auf seinem Sitz zu sein.

08.10. Montevideo

Gegen 8.30 Uhr (Ortszeit = 13.30 Uhr Paderborn und Rom) erreichen wir Montevideo. Zur Passkontrolle gehört dort auch der Daumenabdruck und noch einmal wird das gesamte Gepäck (einschließlich Handgepäck) durchleuchtet. Dann endlich können uns die wartenden Schwestern begrüßen.

Auf der Fahrt vom Flughafen zum Konvent zeigt Montevideo erst einmal seine schöne „Schauseite“. Einige Kilometer fahren wir am Rio de la Plata entlang. Der Anblick ist immer wieder faszinierend, bis zum Horizont nur Wasser, deshalb hieß er in der Sprache der Ureinwohner „der Fluss, breit wie das Meer“. Erst die spanischen oder portugiesischen Eroberer nannten ihn „Rio de la Plata“ – der silberne Fluss. Heute wirkt er dunkel, nur die vom starken Wind hochgepeitschten Wellen haben weiße Schaumkronen. Durch die enorme Breite bedingt (im Mündungsbereich etwa 30 km und mehr), gibt es sogar so etwas wie Gezeiten.

Diese Region gehört offensichtlich weiterhin den besser Verdienenden und den Touristen. Seit dem letzten Besuch vor sechs Jahren sind etliche ansehnliche Ein- und Mehrfamilienhäuser und eine Reihe Hochhäuser, davon vermutlich manche Hotels, dazugekommen. Uruguay bemüht sich seit Längerem, den Tourismus auszubauen und damit auch Arbeitsplätze zu schaffen. Einen Augenblick bin ich überrascht von den frisch grün belaubten Bäumen und den blühenden Vorgärten, ehe mir bewusst wird, dass ja hier im Oktober gerade das Frühjahr beginnt. Wir sind auf der Südhalbkugel des Globus.

Nachdem wir vom Rio de la Plata abgebogen sind, verändert sich das Bild: Hochhäuser, wie man sie auch in jeder anderen Großstadt findet, manche noch im Bau, dazwischen herrschaftliche Häuser, im Stil des 19. Jahrhunderts, zum Teil ziemlich heruntergekommen, säumen die Straßen. Schön ist der alte Baumbestand.

Je näher wir dem Konvent und der Schule kommen, sehen wir mehr und mehr vom ärmeren Montevideo: leerstehende Häuser, bröckelnde Fassaden, viele Graffitis, die die Hässlichkeit der maroden Häuser zusätzlich unterstreichen…

Alle Schwestern des Konventes (es sind zurzeit dreizehn), die dazu in der Lage sind, erwarten uns im Eingangsbereich und begrüßen uns mit aller Herzlichkeit. - Die Gruppe ist seit dem letzten Besuch deutlich kleiner geworden, das fällt auch in der leerer gewordenen Kapelle auf.

Am Nachmittag erkunde ich ein wenig unser Viertel. Gleich um die Ecke sitzen Schüler auf den Stufen einer Tourismus- und Hotelfachschule und halten dort wohl ihre Mittagspause. Auf meinem Weg entdecke ich einige architektonisch interessante Gebäude, die alle dringend restauriert werden müssten. Ein hypermoderner Hochhausturm zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, das Gebäude möchte ich mir bei Gelegenheit gerne von Nahem ansehen. Einige Minuten vom Konvent entfernt befindet sich ein weiter Platz mit einem riesigen palastartigen Gebäude, vielleicht ein Regierungsgebäude? Ja, das ist der Sitz des Parlaments, der „Palacio Legislativo“, das bestätigt man mir später.

Ein Gebäude, das ehemals wohl eine Kirche war, beherbergt heute ein Ministerium. Uruguay ist ein säkularer Staat, das zeigt sich auch im Sprachgebrauch. Die Karwoche wird „Semana de turismo“ und der 6. Januar „Día de los niños“(Tag der Kinder) genannt, diese Beispiele fallen mir dabei wieder ein.

Einige Häuser „verdecken“ mit ihrer sehr farbigen Bemalung ihren schlechten Zustand, fast abbruchreife Häuser sind in Teilen immer noch bewohnt. Die Armut des Viertels ist nicht zu übersehen, auch am Zustand der Straßen und Bürgersteige. An Autos mangelt es allerdings nicht und sie sehen alle recht gut aus, nicht mehr in fast schrottreifem Zustand wie vor Jahren. Auffallend ist auch, wie korrekt die Autofahrer vor den Zebrastreifen und vor roten Ampeln halten.

Liebe Schwestern,

heute sende ich Ihnen ein paar Tagebuchnotizen zu, mit denen ich Sie ein wenig teilnehmen lassen möchte an meinen Erfahrungen bei meinem dreiwöchigen Aufenthalt vom 20. Juli bis 12. August 2015 bei „unseren“ Blinden in Quezon City auf den Philippinen. Diese Notizen können zwar nur einen kleinen Eindruck vermitteln, aber vielleicht interessiert es Sie, auch im Hinblick auf unser nächstes Projekt „Pauline 200“ im Januar 2016, das dann in den Philippinen stattfindet.

Einen herzlichen Gruß Ihnen allen und ein gesegnetes, dankbares Stiftungsfest

Ihre Sr. Angelika

Quezon City - Notizen:

Montag, 20.07.2015

Gegen 11.00 Uhr verlasse ich die „Villa“, um zeitig genug im Flughafen Fiumicino anzukommen. Noch immer sind aufgrund des Feuers im Mai Bereiche gesperrt und immer noch tragen Mitarbeiter Atemschutzmasken. Die Kontrollen sind sehr streng, wie ich sie bisher in Rom noch nicht erlebt habe. - „Mein“ Flugzeug, ein Großraum-Flugzeug der Emirates-Airline mit mehr als 500 Plätzen auf zwei Decks startet um 15.25 Uhr. Auf verschiedenen Zugängen werden wir in die entsprechenden Abteile des riesigen Flugzeugrumpfes geschleust. Von Rom bis Dubai und von Dubai bis Manila sind fast alle Plätze besetzt.

Kurz vor Mitternacht (Ortszeit) erreichen wir Dubai. Sein internationaler Flughafen soll nach dem Endausbau der größte der Welt sein. Kaum dort angekommen, spricht mich ein älterer Herr an und stellt sich als katholischer Priester vor, Maristenpater, Niederländer, in Dänemark stationiert, wie ich auf dem Weg nach Manila, wo er eingeladen ist, um eine Trauung vorzunehmen. Sehr bald stellen wir fest, dass wir gemeinsame Bekannte haben, über die wir uns bei einer Tasse Kaffee austauschen. Wieder einmal: wie klein ist doch die Welt!

Nachdem ich 2003 das bisher erste und einzige Mal auf den Philippinen war, bin ich gespannt, wie ich Manila dieses Mal erlebe und welche Erfahrungen ich vor allem mit „unseren“ Blinden mache.

Dienstag, 21.07.15

Gegen 17.00 Uhr (Ortszeit) erreichen wir Manila, die Passkontrolle verläuft zügig – ich darf mich am Seniorenschalter anstellen - länger dauert die Gepäckausgabe. Sr. Theresia erwartet mich mit dem Fahrer, gegen 18.00 Uhr brechen wir zum Konvent auf. Um diese Zeit beginnt die „roush hour“, jedoch mit einem solchen Verkehrsaufkommen an einem „normalen“ Dienstag hatten die beiden „Einheimischen“ nicht gerechnet, mehr als drei Stunden brauchen wir bis zum Konvent. Auch die „Schleichwege“, die unser Fahrer einschlägt, bringen uns nicht schneller voran, aber das ständige „Stop-and-Go“ gibt mir Gelegenheit, Eindrücke zu sammeln, beziehungsweise mit meinen Erinnerungen von damals abzugleichen: Der Flughafen selbst hat sich verändert, ein neues Terminal ist fertig gestellt und in Betrieb. Wir fahren an riesigen Hotelanlagen rund um den Flughafen vorbei. Sr. Theresia macht mich auf den Platz aufmerksam, wo der Papst bei seinem Besuch auf den Philippinen empfangen worden ist. Dieser Platz hat sein aufgeputztes Aussehen längst wieder eingebüßt. Überall wird gebaut, es sind viele neue Hochhauskomplexe entstanden (und das in einer Region, die extrem Erdbeben gefährdet ist). Immer wieder sehe ich Obdachlose unter Straßenbrücken direkt neben dem brausenden Verkehr, in nächster Nachbarschaft zu stinkendem, vor sich hin moderndem Abfall. Sr. Theresia erklärt mir, einige der Squatter (illegal auf ungenutzten Flächen errichtete Armensiedlungen) seien verschwunden, zum Beispiel entlang der Bahnlinie und manche am Fluss. Restlos verschwunden sind sie nicht. Privatpersonen, die plötzlich Anspruch auf das bebaute Land erheben oder auch die Stadtverwaltung lassen Squatter niederwalzen. Für Bedürftige werden außerhalb der Stadtzentren Häuser zu billigen Preisen gebaut, mit der Auflage, dass sie nicht weiterveräußert werden dürfen, was aber trotzdem geschieht. Schon deshalb, weil die möglichen Einnahmequellen für die Armen in der Stadt liegen und das Geld für den illegalen Verkauf eben doch sehr attraktiv ist.

Wir durchqueren ein reiches Innenstadtviertel mit ausgedehnten Einkaufszentren, den „Malls“ und „Mega-Malls“. Ein damals schon riesiges „Mall“ hat sich weiter vergrößert und ist noch nicht am Ende mit seinen Ausbauzielen.

Mittwoch, 22.07.

Gleich am Morgen gehen wir zum Margaretha-Heim, um die Bewohnerinnen zu begrüßen. Es sind vom Konvent nur ein paar Schritte. Sieben der blinden „Residents“ werden jeden Morgen in verschiedene Schulen zum Unterricht gebracht und kommen erst nachmittags zurück, sieben weitere, die nicht in der Lage sind, regulärem Unterricht zu folgen, treffen wir im „Learning Center“. Abi und ihre Schwester Arni erinnern sich noch an mich, sie erkennen mich sofort, auch weil sie noch einen gewissen Sehrest haben, und weichen nicht mehr von meiner Seite. Arni weiß sogar ein paar deutsche Wörter und freut sich, dass sie sie mir immer wieder vorsagen kann. Die übrigen Blinden kenne ich nur vom Erzählen und von Bildern.

Joanne, die noch bis vor einiger Zeit selbst zu den „Residents“, den Bewohnerinnen des Margaretha-Heims gehörte, arbeitet hier nun als Lehrerin und kümmert sich um die nicht schulfähigen Bewohnerinnen. Die Altersspanne ist ziemlich weit: die älteste Blinde ist 33 Jahre, die jüngste um zehn Jahre alt, es ist schwierig, eine gemeinsame Bezeichnung für sie zu finden, alle wirken doch fast noch wie Kinder. Eine feste Tages- und Wochenstruktur gibt Halt und Orientierung, verschiedene kürzere oder längere Arbeitseinheiten helfen, dass die „Kinder“ nicht überfordert werden.

Mit gemeinsamem Gebet beginnt und endet jede Aktivität. Spielerisch werden verschiedene Fähigkeiten trainiert: Sprache und Sprechen, Singen, Körperwahrnehmung und Körperhaltung, Lösen einfacher Rechenaufgaben, englische Grundkenntnisse (die philippinische Landessprache ist Tagalog), Punktschrift. Mit speziellen Computerprogrammen kann zum Beispiel bei vorhandenen Sehresten die Sehfähigkeit verbessert werden, wie Formen oder Farben erkennen und unterscheiden. Einen besonderen Stellenwert hat die religiöse Unterweisung. Zurzeit wird gerade das Glaubensbekenntnis besprochen. Was bedeutet das: ich glaube? Die Blinden finden heraus, das hat mit Vertrauen, Zuverlässigkeit zu tun.

Es ist schön während der Morgenrunde in die Gesichter der Blinden zu schauen. Es ist ihnen anzusehen, dass sie spüren, dass sie wertgeschätzt werden, dass sie hier in Frieden sind und vor allem ihr liebevoll begleitetes Leben genießen, selbst wenn sie zum Teil unter schweren psychischen Beeinträchtigungen leiden. Für nicht wenige bedeutet es vor allem, dass sie ihre früh verletzte Würde wiedergewinnen.

In der Mittagszeit zieht es sich schwarz-finster zu und dann entlädt sich ein heftiges Gewitter mit starkem Regen bis zum Abend. Es ist Monsunzeit. Am Nachmittag können wir nicht ins Margaretha-Heim zum Rosenkranz gehen, den die Blinden jeden Nachmittag außer samstags beten, das Wasser steht mehrere Zentimeter hoch auf den Straßen.

Donnerstag, 23.07.

Wieder sind wir um 9.00 Uhr im Learning Center. Heute sitze ich eine Stunde lang mit Pauline – gestern war es Arni – vor dem Computer. Pauline, die 18-Jährige, die nicht einmal einen Namen hatte, als sie zu uns kam, schreibt sicher zwanzig oder dreißig Mal: „My name is Pauline Francisco, I am 18 years old...“ Sie weiß auch das Datum, wann sie im Margaretha-Heim aufgenommen worden ist. Da hat für sie ein neues Leben begonnen. - Namen und Alter zu schreiben ist eine Übung, um sich auf der Computertastatur zurecht zu finden. Für Pauline bedeutet es sehr viel mehr.

Am Nachmittag kommt Sr. Clementia aus den Exerzitien zurück. Sie ist eine chinesische Ordensschwester, deren Gemeinschaft unter anderem in Manila einen Konvent, aber keine spezielle Mission mehr hat, deshalb haben sich die Schwestern auf Suche nach geeigneten Tätigkeiten gemacht. Schwester Clementia lebt seit einiger Zeit mit unseren beiden Schwestern im Konvent und arbeitet im Margaretha-Heim bei unseren blinden Bewohnerinnen.

An mehreren Nachmittagen in der Woche – so auch heute - sind die „Schülerinnen“ des Learning Center in der Werkstatt, das sind Räume in der Unit, die dank der Weihnachtsaktion vor einigen Jahren zusätzlich gekauft werden konnte. Nach einem bestimmten Plan je nach ihrem Vermögen bekommen die „Residents“ dort unterschiedliche Aufgaben zugeteilt. Die geschickteren bereiten in verschiedenen Arbeitsschritten unter anderem Gruß- und Weihnachtskarten vor oder gestalten Bilderrahmen und anderes.

Freitag, 24.07.15

Der Freitag endet mit einer Besonderheit: zwei „Residents“ mit einer Hausmutter „campen“, das heißt: nach der Werkstattzeit bereiten sie im Konvent das Abendessen vor, beten entweder die Vesper oder den Rosenkranz mit den Schwestern, essen mit ihnen gemeinsam zu Abend und gestalten anschließend ihr eigenes Abendprogramm. Sie schlafen in der „neuen“ Unit und sind auch noch zum Frühstück da.

Samstag, 25.07.15

Traditionell gibt es auf den Philippinen zu jeder Mahlzeit Reis, so auch an diesem Morgen. Die Beilage wird von den „Campern“ nach eigenen Wünschen vorbereitet. Das können ebenso gut Sardellen sein oder irgendetwas mit Eiern, wie Rührei oder Fleisch…

Am späteren Samstagvormittag kommen auch die „Schulkinder“, die die Normalschulen besuchen, in die „Werkstadt“, um zu lesen, ggf. mit Unterstützung und gleichzeitig lernen sie ein wenig Literatur kennen. Eins der Mädchen erzählt mir voller Stolz, dass sie die Lebensgeschichte Mutter Paulines gelesen hat. Dafür hat sie zwei Jahre gebraucht.

Am Morgen nutze ich die Zeit, um unser Viertel ein wenig zu erkunden. Es ist nicht einfach nur die Armut der Bauten, die bedrückend ist, sondern vieles macht auf mich den Eindruck von Gedankenlosigkeit. Beim Bau der Bürgersteige scheint niemand an die Behinderten gedacht zu haben, und es gibt hier doch so viele. Da finden sich tiefe Absenkungen und Unebenheiten, dazu völlig ungünstig gesetzte Laternenmasten, unsichere Kanaldeckel, oftmals viel zu schmale Gehwege… so dass man gezwungen ist, auf die Straße auszuweichen. Weil oft die Wasserabläufe zu den Kanälen zu eng sind, hat man kurzerhand eine tiefe Rinne in den Bürgersteig geschlagen, da ohnehin bei jedem Starkregen überschwemmte Straßen „vorprogrammiert“ sind. – Ein wenig aus dem Blickfeld gerückt, gibt es auch eine Reihe recht ansehnlicher Häuser. Sehr ansehnlich und gut ins Blickfeld gerückt sind die Kirchen und Bauten der zahlreichen Sekten. Sie sollen auffallen und mit ihrem Reichtum Eindruck machen und das tun sie offensichtlich auch, der Zulauf ist beträchtlich.

An diesem Samstag wird ein etwa 10-jähriges blindes Mädchen im Margaretha-Heim vorgestellt. Die Mitarbeiterin einer NGO bringt die Kleine von irgendwoher aus einer ländlichen Gegend, einige Stunden weit von Manila entfernt. Die Begleiterin erzählt: Die Mutter und zwei weitere Geschwister sind ebenfalls blind, der Vater verstorben. Es gibt einen Stiefvater, der „sehr ärgerlich“ reagiert, wenn das Kind, das zum Betteln in die Kirche gesetzt wird, nicht genug Geld nach Hause bringt. Es ist zu befürchten, dass sich hinter dem „ärgerlich werden“ sehr ungute Dinge verbergen. Zu essen gibt es nur einmal am Tag etwas. – Leider kann das Kind noch nicht gleich im Heim aufgenommen werden, es stehen einige Gesundheitstests an. Kinder, die aus sehr armen Verhältnissen stammen, bringen häufig Tuberkulose mit, die erst behandelt werden muss.

Jeweils samstags gehen wir Schwestern zur Vorabend-Messe um 16.00 Uhr ins Margaretha-Heim. Lanette, die Sozialarbeiterin, die Hausmütter und die Bewohnerinnen sind sonntäglich gekleidet und die älteren unter ihnen haben sich auch mit ein bisschen Kosmetik verschönt.

Ein gemeinsames Abendessen mit den Heimbewohnerinnen schließt sich an, danach helfen alle beim Spülen. In dieser Zeit flaut zum Glück ein heftiger Regenguss ab, so dass wir ohne triefnass zu werden, zurück zum Konvent kommen.

Sonntag, 26.07.15

Am Morgen sind wir zur 10.00 Uhr Messe in unserer Pfarrkirche „Our Lady of the Miraculous Medal“. Zur Pfarrei gehören etwa hunderttausend Einwohner, entsprechend zahlreich besucht sind die Messen. - An den übrigen Wochentagen bringt uns Joel mittags zur Messe in der St. Josefs-Kirche, zehn Autominuten vom Konvent entfernt.

Am Spätnachmittag treffen wir uns in der Kapelle des Margaretha-Heims wieder mit allen Blinden und den Hausmüttern zum Bibelteilen über das jeweilige Sonntagsevangelium. Verstehen kann ich allerdings nicht viel, da fast nur Tagalog gesprochen wird.

Montag, 27.07.2015

Am heutigen Tag hält der derzeitige Präsident der Philippinen Benigno Aquino III. seine letzte große Ansprache vor dem Ende seiner Amtszeit im nächsten Jahr. Es ist eine Art Rechenschaftsbericht und beinhaltet verständlicherweise fast ausschließlich Erfolgsmeldungen.

Wegen dieser Rede haben die Kinder schulfrei. So wird der freie Vormittag genutzt, um eine Einladung zum Essen für vier Mädchen aus dem Learning Center einzulösen. Wir Schwestern dürfen mit. Wir fahren zu einem Restaurant in einem der großen Einkaufscenter. Es gibt „Chicken“ und Reis. Reis kann man haben so viel man will – und davon wollen unsere Mädchen reichlich. Ate Linda, Mitglied unserer Laienvereinigung (Kaisa ni Mother Pauline) und unseren Blinden und dem Konvent sehr verbunden, spendiert zum Nachtisch auch noch „Halo-Halo“, das ist eine Eisspezialität. –Gleich nebenan im Kaufhaus gehen wir anschließend zur Messe. Es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, mitten in einem Kaufhaus in einer Ecke einen abgeteilten Kapellenbereich zu finden und dort Messe zu feiern. - Nach der Messe tätigen wir an „Ort und Stelle“ gleich noch einige Einkäufe. Wären da nicht die Preisangaben in Philippinischen Pesos, könnte dieses Warenhaus mit seinem Sortiment auch in jeder anderen Großstadt anzutreffen sein. Nur die Ausmaße sind eben gigantisch.

Zum Treffen der Laien kommen an diesem Nachmittag nur drei der Kaisa ni Mother Pauline. Wir vermuten wegen des schlechten Wetters und der Ansprache von Aquino. Nach gemeinsamer Anbetung und Vesper bleiben die Lay Associates noch zum Abendessen.

In Manila wird in diesen Tagen häufig über ein mögliches schweres Erdbeben gesprochen, das man in nicht allzu ferner Ferne erwartet. Die Eltern der Schulkinder sind in die Schulen einbestellt worden. Die Kinder sollen mit Taschenlampen und Trillerpfeifen ausgerüstet werden… Für den 30. Juli ist in ganz Manila „Earthquake Drill“ geplant.

Im Margaretha-Heim findet ein „Earthquake Drill“ bereits am Montagnachmittag statt. Die Mitarbeiterinnen und die blinden Heimbewohnerinnen exerzieren, was sie im Ernstfall zu tun haben. Die Mädchen üben unter die Tische zu kriechen und lernen, wie sie ihren Kopf schützen, alle werden mit Taschenlampen und Trillerpfeifen ausgerüstet, die von nun an an jedem Bett bereit hängen…

Allerdings sieht es insgesamt nicht so aus, als sei das Land und speziell die Stadt Manila auf ein solches Ereignis wirklich vorbereitet, allein, was die Bauten angeht. So bleibt nur Hoffen und Beten, dass es nicht zu einem schwereren Erdbeben kommt.

Dienstag, 28.07.

Am Spätnachmittag sind wir im „Ateneo de Manila“ bei den Jesuiten eingeladen, wo sie eine Privatuniversität, zahlreiche unterschiedliche Schultypen, Beratungszentren, das Haus der GCL, Studienhäuser, Konvente und die Krankenabteilung für ihre Mitbrüder unterhalten. Hier feiern sie heute die Jubiläen von mehreren Jesuiten der Infirmary und gleichzeitig das Ignatius-Fest. Ate Linda kennt einen der Jubilare und hat uns zur Feier mitgenommen. Wir erleben eine festliche Messe, musikalisch gestaltet von sechs Sängern, die mit Klavier, Querflöte und Geige begleitet werden. Noch vor dem Schlusssegen folgen sehr nüchtern und wenig passend zum Festtag, die Unterweisungen zum „Earthquake-Drill“, der am Donnerstag auch im gesamten Bereich des Ateneo stattfindet. In weniger als drei Minuten muss die Krankenabteilung geräumt sein, ohne dass Aufzug oder die Rampe benutzt werden dürfen. Wie das mit bettlägerig Kranken und Behinderten funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen. – Allerdings: die Bedrohung des Ateneo durch ein Erdbeben ist tatsächlich äußerst hoch. Genau unter der „Infirmary“ gehen im Erdinneren Spannungslinien durch. Um aus diesem besonders gefährdeten Bereich herauszukommen, entsteht für die alten und kranken Jesuiten an anderer Stelle ein Neubau, der bald bezogen werden soll.

Mittwoch, 29.07.

An den Mittwochnachmittagen bleiben die „Residents“ im Margaretha-Heim. Dann üben sie Lieder, die sie während der Messen im Haus oder auch zu anderen Gelegenheiten singen. Einige der Blinden haben ausgesprochen gute Stimmen.

Donnerstag, 30.07.2015

Heute findet der angekündigte „Earthquake Drill“ in Gesamt-Metro-Manila statt. Wie das Ganze ablaufen soll, weiß niemand so recht, auch nicht, wo die Evakuierungsräume sind. Pünktlich um 10.30 Uhr beginnen die Sirenen zu heulen und damit startet die Übung, die genau eine Stunde dauert. Die „Residents“ im Learning Center beenden ihr normales Donnerstagmorgen-Programm vorzeitig, um am Fernsehen die Life-Übertragung aus den verschiedenen Stadtteilen mit zu verfolgen. Aus einem Stadtteil wird gezeigt, wie Schüler aus einer Schule evakuiert werden, in einem anderen Stadtteil geht es außerdem um das zusätzliche Löschen eines Brandes, es werden Menschen aus „unzugänglichen Häusern“ abgeseilt, irgendwo sind große Zelte aufgebaut, Ärzte und Sanitätspersonal bergen und versorgen „Verletzte“ … Zwischendurch werden – viel zu kurz, um sie vollständig lesen zu können – Verhaltensregeln bei Erdbeben eingeblendet. Bei dieser Übung sieht alles relativ harmlos aus, die Betroffenen nehmen es gelassen, aber wenn wirklich der Ernstfall einträfe? – Über die extrem hohe Gefährdung durch ein Erdbeben mit verheerenden Folgen sind sich die Menschen hier sehr wohl bewusst. Aber was sollen sie tun?

In einer Publikation lese ich: Viele der APEC Mitgliedsländer liegen auf dem sogenannten pazifischen Feuerring, wo große Kontinentalplatten aufeinander stoßen. In Manila sorgen die sogenannte West Valley Spannungslinie und der Manila Graben für Befürchtungen, Erdbeben an diesen Orten hätten massive Folgen für die Hauptstadt. Seit mehr als drei Jahrzehnten hat es in der philippinischen Hauptstadt kein stärkeres Erdbeben mehr gegeben und nach dieser langen Ruhephase erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Erbebens mit jedem Tag. Die japanische International Cooperation Agency ging in 2004 in einer Studie davon aus, dass ein starkes Beben in Manila rund 40 Prozent der Gebäude zerstören und etwas 34 000 Menschen töten könnte. (Quelle u.a.: http://newsinfo.inquirer.net/422985/38000-will-be-killed-100000-will-be-injured-if-major-quake-hits-metro-manila)

manila

Am Nachmittag haben die blinden „Residents“ Gelegenheit, ihr musikalisches Können zu Gehör zu bringen. Eine indische Frauengruppe, Mitglieder einer NGO - darunter die Gattin des indischen Botschafters auf den Philippinen - haben sich zum Besuch im Margaretha-Heim angemeldet. Sie bringen mehrere Säcke Reis, etliche Packungen mit Toilettenartikeln, Kissen und viele weitere gute und nützliche Gaben mit und zeigen großes Interesse an der Einrichtung, den blinden „Residents“ und ebenso an den Schwestern und Mitarbeitern. Die Mädchen bedanken sich mit lebendig und voller Schwung und Rhythmus vorgetragenen Liedern und „ihrer“ Margaretha-Heim-Hymne“. Für diese Hymne haben sie selbst zusammen getragen, was ihnen das Margaretha-Heim bedeutet, die Musik hat jemand passend dazu komponiert. Die vormals namenlose Pauline singt einen Solopart mit einer wunderschönen Stimme. Die Zuhörerinnen sind sichtlich bewegt, auch von der Art und Weise, mit wieviel Herzlichkeit und Vertrauen die Blinden ihnen, den Fremdem, begegnen.

Immer wieder sprechen wir über „unsere“ blinden „Kinder“. Es sind wirklich Menschen von den „Rändern“, die fast alle aus ganz schwierigen familiären Situationen stammen, viele von ihnen haben zum Teil extreme Armut, Vernachlässigung, Missbrauch erlebt, nur ganz wenige könnten im Notfall wieder nach Hause zurückkehren. Da würden sie zwar zumeist nicht länger Förderung erfahren, aber zumindest eine einigermaßen sichere Bleibe vorfinden. Es macht mich immer wieder tief betroffen, wenn ich über die Lebenssituationen der „Kinder“ nachdenke, dann habe ich nur die eine Bitte an den Herrn, dass er uns einen Weg eröffnet, auf dem die Bewohnerinnen auch weiterhin eine gute Zukunftsperspektive haben.

Freitag, 31.07.2015

Heute fällt das übliche „Campen“ aus, weil wir am nächsten Morgen frühzeitig zu „Caritas Manila“ aufbrechen müssen. Dort wird ein Doppeljubiläum gefeiert: 50-jähriges Priesterjubiläum von Father Luke und 21 Jahre Bestehen der von ihm gegründeten Behinderteneinrichtung auf dem Gelände der Caritas. Aus diesem Anlass sind wir mit einer Gruppe unserer blinden Mädchen – dazu gehört auch Pauline –eingeladen, die Messfeier zu gestalten.

Samstag, 01.08.2015

Um 7.15 Uhr fahren wir drei Schwestern mit sieben blinden Mädchen, Joanne (der blinden Lehrerin), einer Hausmutter und Joel, unserem Fahrer los. Auch an diesem frühen Samstagmorgen erleben wir einen chaotischen Autoverkehr. Zwischen all den vielen Bussen, Jeepneys, Trycicles und Privatwagen laufen Straßenverkäufer und bettelnde Männer und Frauen herum, oftmals mit kleinen Kindern auf dem Arm. Sr. Theresia erklärt mir, dass es vielfach die Ureinwohner der Philippinen sind, die in ihrem angestammten Hochland kein Auskommen mehr finden und deshalb zum Betteln in die Stadt kommen.

An anderen Stellen entlang der Straßen sehen wir auf dem Mittelstreifen, umtost vom brausenden Verkehr ganze Gruppen kampierender und schlafender Obdachloser. Manchmal liegen da nur die Habseligkeiten verstaut, während ihre Besitzer irgendwo betteln. - Es sind sehr unterschiedliche Viertel, die wir durchqueren: wir passieren einen ausgedehnten Universitätskomplex, offensichtlich für reichere Studenten, dann ein Viertel, in dem sich etliche Ordensgemeinschaften angesiedelt haben. Seinerzeit, als nach der Revolution viele Offiziere „Hals-über-Kopf“ geflohen sind, haben sie deren teure Villen billig erstanden. Überall sehen wir Reklame für Luxus-Apartments in Hochhausneubauten. Dabei stellt sich die Frage, wie aus diesen „Türmen“ im Notfall Menschen evakuiert werden können.

Ganz in der Nähe des Präsidentenpalastes, jenseits des Flusses, ist der Sitz von „Caritas Manila“. Wir kommen an einer hohen, bis unters Dach gefüllten Halle vorbei, hier lagern Spenden aller Art, die wohl auch für die Taifunopfer bestimmt waren und eigentlich längst verteilt sein sollten. Manches lagert sogar im Freien und rottet vor sich hin… Es macht den Eindruck, dass es bei allem guten Willen sehr schwer fällt, die Weiterverteilung zu organisieren. Der Anblick und das Wissen um die Hilflosigkeit tun weh.

Die Festmesse findet in der Kapelle der Behindertenschule statt, die sich ebenfalls auf dem Caritasgelände befindet. Sr. Theresia und die blinden Mädchen sind hier gut bekannt und werden von den Mitarbeitern herzlich begrüßt. In der Kapelle sind für uns Plätze gleich neben dem Altar reserviert. Nach und nach füllt sich der Raum mit zum Teil schwerst körperlich und geistig behinderten Bewohnern, dazu kommen eine Gruppe von Gehörlosen und viele Angestellte, Freiwillige, Freunde und Angehörige. Father Luke, der Goldjubilar, ist Beauftragter der Philippinischen Bischofskonferenz für die Behinderten, deshalb auch zuständig für unser Blindenheim und wie gesagt, Gründer dieser Einrichtung. – Eine besondere Ehre und Freude für alle Mitfeiernden ist es, dass Kardinal Tagle, der Erzbischof von Manila, die Messe zelebriert. Gleich zu Beginn segnet er ein zweijähriges Mädchen, das gerade in die Einrichtung aufgenommen worden ist. Man spürt ihm an, wie sehr ihn das berührt. Unsere Sängerinnen geben der Messe mit ihren Gesängen den festlichen Rahmen. Bei der Kommunion sind sie die ersten, die vom Kardinal selbst die Kommunion empfangen. Das ist natürlich etwas Besonderes.

Nach der Messe sind alle zum Mittagessen eingeladen. Vor der Abfahrt lässt mich Sr. Theresia schnell noch einen Blick in je eine Abteilung für männliche und weibliche Schwerbehinderte tun. Die Pflegesituation für die Menschen ist allerdings weit von unserem europäischen Standard entfernt. Die Menschen werden mehr oder minder nur „verwahrt“. Wir sehen sie in käfigartigen Betten ohne Matratzen liegen, und wir empfinden schmerzlich, wie wenig Bewusstsein vorhanden ist, dass auch diese Menschen eine Würde haben, die es zu achten gilt.

Auf der Rückfahrt erleben wir einen Anblick zum Schmunzeln, so traurig es eigentlich ist: wiederum auf dem erhöhten Mittelstreifen der in beiden Richtungen jeweils vierspurigen Straße steht ein mit einer langen Schnur angebundener Kampfhahn, der vermutlich einem Obdachlosen gehört. Joel versucht den „giftig“ dreinblickenden Hahn ein wenig zu provozieren, aber der lässt sich - zum Glück - nicht provozieren.

Kaum sind wir wieder zu Hause angekommen, da geht ein so schwerer Monsunregen nieder, dass das Wasser aus dem nahen Kanal hochdrückt und im Erdgeschoss des Konventes steht. Damit müssen wir in der nächsten Zeit wohl weiterhin rechnen, es sind für die gesamte Woche schwere Regenfälle angesagt. Das Margaretha-Heim ist bislang von Überschwemmungen verschont geblieben.

Nach der Messe am Nachmittag im Margaretha-Heim gibt es noch einmal etwas zu feiern. Eine der Wohltäterinnen feiert mit ihrer Familie und den Bewohnern zusammen ihren Geburtstag. Wieder eröffnen die Mädchen mit ihren Liedern das Fest, ehe wir dann alle gemeinsam zu Abend essen.

Sonntag, 02.08.2015

Sr. Theresia zeigt mir heute etwas vom neuen, aufstrebenden Manila, den Stadtbezirk, in dem sich das größte Kaufhaus der Philippinen – wahrlich eine Mega-Mall – und viele, viele Hochhäuser und Hotels befinden. Malls sind regelrechte „Ausflugsziele“, Scharen von Menschen treffen wir auf dem Weg dorthin. Die Ausmaße dieser Mega-Mall sind wirklich gigantisch. Auch hier gibt es eine große Kapelle mit mindestens fünf Sonntagsmessen. Als wir kurz nach 11.00 Uhr dort ankommen, hat gerade eine chinesische Messe begonnen. Gleich neben der großen Kapelle befindet sich eine kleinere Anbetungskapelle. Als wir diese verlassen, sehen wir uns einer langen, langen Menschenschlange gegenüber, es sind Wartende für die nächste Messe, die in etwa 45 Minuten beginnen soll. Wir fragen einen der Wachmänner und der bestätigt, dass das „immer so sei“. – Schließlich essen wir beim „French Baker“ ein Sandwich, ehe uns Joel wieder nach Hause bringt.

Es bewegt mich immer wieder zu erleben, mit welcher Herzlichkeit und mit welchem Vertrauen die Mädchen auf mich zukommen, wie sie immer wieder beim Rosenkranz oder wie heute, beim Bibelteilen - namentlich für jeden von uns und für alle Anliegen nah und fern beten. Rowena lebt zwar in ihrer eigenen Welt und es ist schwer, Zugang zu dieser Welt zu finden, aber sie lebt von vielen Zeichen des Angenommen-Seins und der Nähe und macht das auch deutlich. Daisys Leben und das ihrer Schwester ist ruhiger geworden durch entsprechende Medikamente, allerdings zahlen beide mit zunehmenden Nebenwirkungen einen hohen Preis. Wie lange werden die Medikamente wohl noch helfen? … Und die anderen Blinden mit all den Lasten, die sie tragen… Wenn man die „Kinder“ erlebt, muss man sie einfach gern haben. Dass sie doch ihre Geborgenheit hier, ihr Umsorgtsein nicht verlieren.

Montag, 03.08.2015

Zum Montagsprogramm im Learning Center gehört das Vorbereiten der morgendlichen Merienda und des Mittagessens. Auch einige der „Schulkinder“, die heute schulfrei haben, sind dabei. Es soll „Frühlingsrollen“ geben. Dazu braucht es u.a. eine Menge kleingeschnittener Bohnen. Die geschickteren Blinden schneiden Bohne für Bohne selbständig, während die übrigen die Bohnen „döppen“ und dann, indem sie die Hand auf den Arm der schneidenden Hausmutter legen, die Stücke zählen, die aus einer mittelgroßen „Schote“ geschnippelt werden. Es sind jeweils mehr als 40 Scheibchen. In der abschließenden Auswertungsrunde fassen die Mädchen in Sätzen zusammen, was sie getan und welche Gemüse sie zum Essen mitvorbereitet haben. Anschließend lesen sie auf vorbereiteten Kärtchen die Namen von verschiedenen Gemüsesorten in Punktschrift.

Dienstag, 04.08.2015

Nach der Begrüßungsrunde im Learning Center stehen wie üblich verschiedene Aktivitäten für die blinden Mädchen an. Zwei schreiben Texte in Punktschrift ab, eine andere übt Additionen mit Setzkästen und überträgt die Ergebnisse in Braille-Punktschrift; Daisy zieht Perlen in unterschiedlichen Farben in der immer gleichen Reihenfolge auf einen Faden auf, während Arni die englischen Zeiten übt, Rowena sortiert unterschiedlich große Holzklötze in dazu passende Löcher in Kästen ein und Abi hilft heute beim Vorbereiten des Mittagessens.

Es gießt in Strömen, als am Nachmittag Ronny zu uns kommt. Sie gehört der GCL (Gemeinschaft christlichen Lebens) an und hat zwei Jahre in Augsburg gelebt, um die Ausbildung als Exerzitienleiterin zu absolvieren. Ronny hat den beiden Schwestern vor allem in den Anfangszeiten der Blindenmission sehr geholfen.

Donnerstag, 06.08.2015

Einmal soll ich etwas anderes als nur Stadt sehen, deshalb ist ein Besuch bei Pater Hubert, einem deutschen Salvatorianer, geplant, vorausgesetzt, das Wetter „spielt mit“. Zur Messe gehen wir früh in unsere Pfarrkirche. Mit sechs Mädchen, insgesamt elf Personen fahren wir gegen 8.00 Uhr in Richtung Süden quer durch Manila, Quezon City liegt nordöstlich von Manila-City. Wieder erlebe ich die Stadt - 18 Millionen Einwohner soll sie derzeit haben - mit all ihren Gegensätzlichkeiten: den teuren Hochhausneubauten, dem Universitätsviertel, den acht- und mehrspurigen Straßen, mit Bäumen und Sträuchern bepflanzten Mittelstreifen, dem nie zur Ruhe kommenden Verkehr, den Straßenzügen mit abbruchreifen Häusern und Hütten der Armen, den „angeleinten“ Kampfhähnen auf den Bürgersteigen und in Hausnischen… Irgendwo sehen wir sogar einen großen Kampfhahntrainingsplatz und in der Nähe einen „Grünstreifen“ mit hunderten in kleinen Käfigen untergebrachten Kampfhähnen… Als wir gerade wieder einmal vor einer roten Ampel stehen, reicht uns jemand aus einem neben uns wartenden PKW einen Tausend-Peso-Schein herüber. Der Mann hat offensichtlich die Aufschrift auf unserem Auto gelesen: „Sisters of Christian Charity – for the Blinds“ und ganz schnell reagiert. Am Rand der Stadt durchqueren wir ein neues Industriegebiet, weites Farmland dehnt sich aus, noch nicht erschlossene Baugrundstücke warten auf Käufer. Nach mehr als zwei Stunden Fahrt wird es langsam offener, mit mehr Grün und Weite.

Vor ein paar Jahren ist Pater Hubert mit seinen Novizen von Tagaytay nach Silang umgezogen. Dort treffen wir ihn heute. Noch ehe wir ins Haus gehen, besichtigen wir das weite Anwesen mit zahlreichen Kokospalmen und Mango- und anderen Fruchtbäumen. Die Zeit für Mangos ist allerdings gerade vorbei. Wie in Tagaytay hat Pater Hubert auch hier wieder Bananen angebaut. Auf dem Gelände gibt es zudem drei Ziegen, die fast handzahm sind. Für unsere Blinden ist es eine Herausforderung an Mut und Vertrauen, sich den Tieren zu nähern und sie sogar zu streicheln – allerdings erst nach gutem Zureden.

Als wir gerade beim Mittagessen sind, geht ein heftiger Regen nieder, aber wir sind ja im Trockenen.

Pater Hubert lädt uns ein, auch seine frühere Wirkungsstätte in Tagaytay zu besuchen. Dort befinden sich jetzt ein Studienhaus und das Vornoviziat der Gemeinschaft, dort gäbe es auch einen regelrechten Zoo mit Hunden und Katzen und Ziegen und Schweinen und … und…

Tatsächlich: es gibt ein Vogelhaus, Meerschweinchen, eine Katzenmutter mit Jungen, eine Hundemama, ebenfalls mit Jungen… Behutsam macht Pater Hubert unsere blinden Mädchen mit den Tierkindern vertraut. Es dauert nicht lange, bis sie sich so ein kleines, lebendiges „Kuscheltier“ zum Streicheln in die Hand legen lassen. Arni schleppt sogar einen ausgewachsenen Hund herbei, zahme Tauben dürfen sich Futter aus den ausgestreckten Händen picken. Die Ferkel sind weniger interessant, umso mehr die Kaninchen, die ebenfalls zahm und „streichelhungrig“ sind. Kampfhähne werden hier nicht gehalten, dafür aber frei laufende Hühner und anderes Federvieh. Gelächter erntet Joel, als er sich dem kleinen Affen im Gehege nähert und dieser ihm blitzschnell eine ordentliche Dusche mit dem Wasserspender verpasst.

Das Anwesen gleicht einem kleinen „Paradiesgarten“, mit seiner Vielfalt an tropischen Früchten: Bananen, Kokosnüsse, Kakaobohnen, Kaffeebohnen, Jackfrucht, Drachenfrucht, Mangos, Pampelmos, Guave… und dazu eine Menge mir unbekanntes Gemüse, das Studenten aus Vietnam mitgebracht haben. Mit Kakaobohnen aus dem hiesigen Garten hat eine Hausangestellte eine Tafel Schokolade zubereitet, die Pater Hubert seinen Angehörigen in Deutschland mitgebracht hat. Die Schokolade sei steinhart gewesen, hätte aber sehr gut geschmeckt.

Auf dem Rückweg kommen wir wieder in den obligaten Stau. Selbst die teils zehnspurigen Straßen reichen nicht aus, dem Verkehr Herr zu werden, und so baut die Stadt weitere Hochstraßen über den bereits bestehenden Straßen mit gigantischen Kreuzungen und Anschlüssen. Für den Verkehr mag das ja hilfreich sein, aber wie leben die Menschen damit, denen dann der Autostrom gleich auf zwei Ebenen unmittelbar am Haus vorbeibraust, nur im Abstand einer Bürgersteigbreite? – Es gießt wieder wie aus Kannen, als wir Lanette in der Nähe ihrer Wohnung aus dem Auto lassen – ihre Straße ist so schmal, dass kein Auto hindurch passt. Jungen in Badehose duschen unter dem strömenden Wasser aus defekten Regenrinnen.

Samstag, 08.08.2015

Schon in der Frühe sieht es sehr nach Regen aus, trotzdem wage ich einen Gang „um den Block“. Eine Richtung fehlt mir noch. An der Straßenecke dem Margaretha-Heim gegenüber treffe ich einen Obdachlosen, der dort auf der Grundfläche eines Liegestuhls „wohnt“. Für täglich eine Tasse Kaffee „bewacht“ er das Margaretha-Heim. – Ich folge einer Straße, die mich schnell in eine ganz arme Gegend führt. Die Stadt hat dort „Sozialwohnungen“ gebaut, aber sie sind total heruntergekommen, das Umfeld sieht erschreckend aus, - dieses Elend wage ich nicht einmal zu fotografieren.

Die Blinden bleiben am Morgen im Margaretha-Heim, sie wollen singen üben für den Besuch am Nachmittag. Es sind indische Frauen und Männer, sie bringen Hörbücher mit Geschichten und CD’s als Lernhilfen für Mathe und Englisch und für die Merienda wahlweise Spaghetti in Tomatensauce (ausgerechnet), „Burger“ und Getränke mit. Die Blinden bedanken sich mit einem fast einstündigen Gesangsprogramm. Die Besucher sind sichtlich bewegt von der Darbietung und von der Art und Weise, wie ihnen unsere „Kinder“ begegnen.

Heute schon soll ich „offiziell“ mit einem gemeinsamen Abendessen verabschiedet werden, an den nächsten Tagen passt es nicht. Soviel erfahre ich vorab. Nach der Messe wird schnell deutlich, dass das Abschiedsprogramm aus mehr als nur einem Abendessen besteht. Pater Lorenz, der die Messe mit uns gefeiert hat, ist neugierig geworden und bleibt zu dieser Darbietung. Jede einzelne, auch Lanette und die Hausmütter sagen mir ein Wort zum Abschied, dann singen und tanzen die Mädchen in verschiedenen Gruppierungen fast eine ganze Stunde lang. – Da finde ich kaum mehr Worte zum Dank.

Sonntag, 09.08.2015

Im Jeepney fahren wir in die Nachbarpfarrei, aus der einige unserer „Laien“ stammen. Die Kirche feiert ihr Patrozinium „Transfiguration“ – Verklärung Christi. Trotz des heftigen Regens spielt eine Musikkapelle, aber die Prozession findet wohl nicht statt. Ein Bischof aus einer Nachbardiözese konzelebriert mit dem erst vor kurzem ernannten Pfarrer. Die Gemeinde verfügt über einen guten Chor und viele Jungen als Messdiener (Mädchen als Messdienerinnen sind auf den Philippinen nicht üblich), Ordensleute gibt es in der Pfarrei nicht. So erhalten wir „Ehrenplätze“ in der Kirche und werden auch zum anschließenden Mittagessen eingeladen. Schnell erkennt Sr. Theresia in dem Bischof den Priester, der vor Jahren Joanne, die jetzige Lehrerin des Learning Centers getauft hat. Beim Mittagessen dürfen wir mit dem Bischof an einem Tisch sitzen.

Kaum sind wir mit dem Jeepney wieder zu Hause angekommen, geht ein heftiger Platzregen nieder.

Eine ganz eigene Erfahrung für mich ist, wieviel Menschen ich auf den Philippinen einen Segen zusprechen darf: kleinen Kindern genauso wie Erwachsenen, sogar jungen Priestern… Oft bei der Begrüßung, aber auch ganz spontan auf der Straße kommen sie auf einen zu und mit einer eindeutigen Handbewegung bitten sie um den Segen.

Montag, 10.08.2015

Noch einmal ein fast normaler Tag mit Learning Center, Messe mittags in St. Josef, nach dem Mittagessen kurz in die Stadt zur „Mall“ zum Einkaufen, nachmittags „Workshop“, ab 16.00 Uhr Treffen mit den „Laien“, drei kommen noch während der Vesper, somit sind es sieben heute, mit denen wir auch zu Abend essen.

Als Joel die „Laien“ anschließend alle mit dem Auto nach Hause bringt, gießt es in Strömen. Wieder einmal staune ich, mit welcher Selbstverständlichkeit hier auch wenig Arbeitnehmer freundliche Dienstzeiten in Kauf genommen werden.

Dienstag, 11.08.2015

Für die Klarissinnen ist heute hoher Festtag, und seit dem frühen Morgen finden dort stündlich heilige Messen statt. Um 10.00 Uhr bringt uns Joel zu einer Messe, die von Kardinal Tagle gefeiert wird. Als wir ankommen, ist die vorige Messe noch im Gange, aber schon warten und drängen Hunderte von Menschen, um in die relativ kleine Kirche zu gelangen. Viele Besucher tragen Päckchen mit Eiern als Geschenk und als Gegenleistung für Gebet, um das sie bitten. Eigens zum heutigen Tag sind um das Kloster herum zahlreiche Verkaufsstände mit Eiern, aber auch anderen Esswaren und „Krimskram“ aufgebaut worden. Wir freuen uns an einer festlichen Messe mit einer Predigt in Tagalog und Englisch, die offensichtlich den Gläubigen gefällt, es wird gelacht und applaudiert.

Nach dem Kofferpacken bin ich am Nachmittag noch einmal in der Werkstatt. Um 17.15 Uhr gehen wir zum Margaretha-Heim, denn dann sind auch die Schülerinnen aus den verschiedenen Schulen zurück und ich kann mich noch einmal von allen verabschieden. Innerlich ganz reich beschenkt, aber auch mit konkreten Gaben werde ich um 18.00 Uhr zum Flughafen gebracht und komme am Mittwoch, am Spätnachmittag wieder in der Villa an.

Bei Weitem nicht erschöpfend, nur ein paar Gedanken als Fazit:

In diesen drei Wochen habe ich viele, sehr liebenswerte Philippinos kennengelernt, allen voran unsere Blinden im Margaretha-Heim und unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, aber auch bei spontanen Begegnungen auf der Straße oder wo immer. Für alle Erfahrungen bin ich außerordentlich dankbar, insbesondere, dass ich so intensiven Kontakt mit unseren blinden Heimbewohnerinnen hatte und sie in ihrem alltäglichen Leben ein Stück begleiten durfte. Dabei hat mich immer wieder berührt, dass sie trotz all der schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht haben, zu so viel Vertrauen und Liebe fähig sind und mir diese auch geschenkt haben.

Jedoch: Die Gegensätze zwischen Reich und Arm, die mir im Umfeld begegnet sind, sind ungeheuerlich und prallen unvermittelt hart aufeinander. Ein Mall-Besitzer hat ausschließlich zur Feier seiner Goldhochzeit eine Kirche gebaut, die er anschließend der Diözese vermacht hat.

Die Armut und damit die Frage nach einem menschenwürdig(er)en Leben ist weiterhin allgegenwärtig. Wenn auch stellenweise die Armut nicht mehr ganz so sichtbar ist, hat sie vermutlich eher noch zugenommen. Wo und welcher Lebensraum den Menschen angeboten wird, haben wir nicht zuletzt auf unserer Fahrt zu Pater Hubert gesehen in Gestalt der „Sozialwohnungen“ entlang der in Kürze „zweistöckigen“ Stadtautobahnen.

Menschenwürde für die bettelnden Ureinwohner der Philippinen auf den Straßen Manilas, die Menschen, die unter Straßenbrücken und auf den Mittelstreifen der Straßen kampieren… Menschenwürdiger Umgang mit Schwer- und Schwerstmehrfachbehinderten? Da braucht es wohl noch manche Hilfe und Bewusstmachung für einen angemessenen Umgang.

Die „Kirche“ erfährt zwar noch relativ großen Zuspruch, aber er „bröckelt“ zusehends. Die kirchlichen Mitarbeiter, angefangen bei Bischöfen und Priestern hätten ein riesiges Betätigungsfeld, die Menschen in ihrer oft so problematischen Lebenswirklichkeit wahrzunehmen, sie zu begleiten und zu unterstützen.

Mit vielen Fragen bin ich nach Rom zurückgekehrt. Eines ist mir aber eindeutig klar: dass es den hohen Einsatz wert ist für jeden einzelnen Menschen, wenn ihm/ihnen, wie unseren Blinden ein lebenswertes und menschenwürdiges Leben ermöglicht wird. Das entspricht ganz der Intention Mutter Paulines, die ja unsere Kongregation gerade mit besonderem Blick auf die Blinden gegründet hat.

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