Suizide von Flüchtlingen

Mehr als 400 Flüchtlinge in Deutschland haben seit 2014 versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Auf Behandlungsmethoden wie Psychotherapien haben sie nur einen eingeschränkten Anspruch.

Von Anna Wulffert für tagesschau.de; Stand: 15.03.2017 

Eigentlich hat der Januar ja gerade erst angefangen – und doch gibt es schon einen erschreckenden Rekord im Mittelmeer: Mehr als 200 Flüchtlinge und Migranten sind dort seit dem 1. Januar auf ihrem Weg nach Europa ertrunken, das sind mehr Todesopfer als jemals in den ersten Januarwochen.

migranti

Ein großer Teil der Flüchtenden kommt aus Eritrea, das ist eine Art Nordkorea am Horn von Afrika. Eines der verschlossensten Länder der Erde, diktatorisch regiert, mit – laut Amnesty International – etwa 10.000 politischen Gefangenen, die unter furchtbaren Bedingungen eingekerkert sind. Und mit einem Militärdienst, der verpflichtend ist für Männer wie Frauen, von 18 bis vierzig Jahren. Kein Wunder, dass so viele Eritreer ihr Heil in der Flucht suchen, sagt Cécile Allegra, Autorin eines Dokumentarfilms, dem sie den Titel „Reise in die Barbarei“ gegeben hat.

„Der Parcours ist mittlerweile sehr genau bekannt. Das sind junge Leute, die vor dem Militärdienst fliehen; denn in Eritrea werden alle, die die Schule fertig haben, umgehend zu militärischem Drill gezwungen, mit Blick auf einen immer möglichen Krieg gegen Äthiopien. Ein schreckliches Los, denn wenn man einmal in der Armee ist, weiß man nicht, wann man wieder herauskommt. Um dem zu entgehen, fliehen diese jungen Leute zunächst einmal zur Grenze – und schon dafür müssen sie jemanden bezahlen, der sie dahin bringt. Kaum haben sie es über die Grenze geschafft, müssen sie schwer zu erklimmende Gebirge überwinden und werden von bewaffneten Banden bedroht. Schaffen sie es aber auf nahezu wunderbare Weise in ein Flüchtlingslager im Sudan, dann werden sie oft auch dort Opfer von Kidnappern, die für Menschenhändler arbeiten.“

Bis vor kurzem wurden viele Eritreer – und Migranten überhaupt – auf der ägyptischen Halbinsel Sinai gefoltert; Banditen versuchten dadurch Lösegeld von den Verwandten in den afrikanischen Herkunftsländern zu erpressen. Allegra hatte bei Recherchen auf dem Sinai 2012 zunächst ein und dann sogar Dutzende von Foltercamps entdeckt.

„Aber jetzt gibt es auf dem Sinai keine Folterhäuser mehr. Dafür hat eine groß angelegte Operation der ägyptischen Armee gesorgt, die Infiltrationen islamistischer Terroristen vom Gazastreifen aus unterbinden sollte. Seitdem gibt es diesen Menschenhandel zum Sinai nicht mehr, stattdessen führt er jetzt in die Nähe von Alexandria, nach Libyen und in den Sudan.“

Bei den Arbeiten an ihrem Dokumentarfilm ist Allegra auf eine zynische Industrie des Menschenhandels gestoßen. Viele der Eritreer, die durch Nordafrika fliehen und nach Europa wollen, fallen skrupellosen Ausbeutern in die Hände.

„Alle Entführten werden zunächst in eine Art Zwischenlager gebracht. Man kann die auf Google-Earth sehen: riesige Lagerhallen am Rand einer Stadt. Drinnen sind die Entführten angekettet und warten auf ihre Deportation. Das ist eine Art Markt: Die Menschenhändler gehen dort herum und sagen: Ich nehme zehn, ich nehme dreißig... Von diesem Zwischenlager starten dann Lastwagenkolonnen in verschiedene Richtungen; und immer, wenn sie auf eine Straßensperre, eine Grenze oder Polizisten treffen, werden die geschmiert. Und dieses schlimme Schicksal trifft Abertausende von Menschen. Wenn wir die dann später sehen, wie sie versuchen, in einem Boot über das Mittelmeer zu kommen, dann sagen wir vielleicht: Die armen Leute! Aber wir ahnen gar nicht, was die alles schon hinter sich haben. Und warum es ihnen gar nicht mehr als so ein großer Schritt erscheint, in ein Boot zu steigen.“

Allegra ist bestürzt darüber, welchen Gefahren Migranten und Flüchtlinge in Nordafrika ausgesetzt sind. „Das, was ich gesehen haben, ist keine vorübergehende Barbarei. Das ist ein organisiertes System, das mit dem internationalen Terrorismus vernetzt ist und Verbindungen zur Mafia hat. Das ist ein sehr beunruhigendes Phänomen. Wir Europäer sind sehr auf die Frage der Sicherheit fixiert; wir fragen uns, ob unter diesen Migranten nicht auch Kriminelle und Terroristen sind, und mit Sicherheit ist das auch der Fall. Aber wir retten uns nicht dadurch, dass wir unsere Grenzen dichtmachen; stattdessen machen wir uns zu Komplizen eines sehr schwerwiegenden Verbrechens.“

Quelle: Radio Vatikan, Deutsche Abteilung

rom obdach

 Wegen der eisigen Kälte in Italien - und Rom wurde davon nicht verschont - hat de Gemeinschaft Sant'Egidio die Kirche S. Callisto in Trastevere nachts für ca. 30 Obdachlose geöffnet. Freiwillige der Gemeinschaft wechseln sich während der Nacht mit der Aufsicht ab. Die Obdachlosen bekommen heiße Getränke und erhalten eine gut vorbereitete Liege für die Nacht. Danke der Gemeinschaft Sant'Egidio für diese Initiative!   . 

„Geboren 2016 auf der Aquarius, irgendwo im Mittelmeer“ – so beginnt kein Märchen, sondern die Geschichte zweier Flüchtlingskinder, die in diesem Jahr auf einem Rettungsboot im Mittelmeer geboren wurden. Ihre Mütter waren in Libyen in ein Gummiboot gestiegen, und kurz bevor dieses sank, las die „Aquarius“ die beiden Frauen aus den Wellen auf.

Mathilde Auvillain arbeitet auf diesem Seenotretter, er gehört zur Hilfsorganisation „SOS Méditerranée“, die von Frankreich, Italien und Deutschland finanziert wird. Mehr als 10.000 Menschen habe man seit Beginn der Mission an Bord genommen, berichtet die Französin im Interview mit Radio Vatikan, die meisten davon kämen aus Nigeria, Gambia, Guinea, Senegal und Mali.

„Darunter waren etwa 1.500 unbegleitete Minderjährige, Kinder von zehn, zwölf, fünfzehn Jahren, die alleine reisten. Wir haben auch 92 Kinder unter fünf Jahren gerettet… Das berührt immer, wenn man diese Kleinen sieht, sie weinen und sind total traumatisiert, wenn sie an Bord kommen. Zwei Kinder wurden in diesem Jahr auf unserem Schiff geboren.“

Bei der Flucht dieser Menschen gehe es ums nackte Überleben, so die Helferin, fast alle von ihnen hätten Schreckliches erlebt:

„Die meisten Migranten, die wir auf dem Meer retten, sind erwachsene Männer, die vor Elend, Verfolgung fliehen und die auf ihrer Flucht in Libyen in eine Falle gerieten. Dort erleben die Migranten eine unmenschliche Behandlung, Folter, systematische Gewalt, Entführungen. Fast alle Frauen werden vergewaltigt, einige kommen schwanger an infolge von Vergewaltigungen. Es ist eine absolut inakzeptable Situation, sie haben am Ende keine andere Wahl als sich einzuschiffen, um aus der Falle Libyen zu fliehen.“

„Die letzten Tage waren sehr intensiv"

Allein im November habe die Hilfsorganisation zwischen 13- und 14.000 Menschen aus dem Meer gefischt, vier Mal so viel wie im vergangenen Jahr um diese Zeit, erzählt Auvillain. Auch in diesen Tagen reiße der Strom der Flüchtlinge nicht ab, trotz der schlechten Wetterbedingungen.

„Die letzten Tage waren sehr intensiv, wir hatten sehr schwere Rettungsaktionen. Wenn Menschen auf dem Meer sind, geht es um jede Minute und um schnelle Rettung, denn die Menschen wurden gezwungen, ohne Rettungswesten an Bord zu gehen. Im Winter können die Wetterbedingungen von einem Moment auf den anderen umschlagen.“

In den Wintermonaten sei die Aquarius das einzig aktive Rettungsboot, denn viele andere Hilfsorganisationen zögen ihre Schiffe zurück, so Auvillain weiter. Man stelle sich deshalb darauf ein, dass man einige Menschen nicht werde retten können:

„Wir sind allein und es ist sehr schwer. An Bord haben wir medizinisches Personal von Ärzte ohne Grenzen, unseren Partnern, aber wir können nur wenige Reanimationen gleichzeitig vornehmen. Wenn wir es also mit 20, 30 Fällen von Unterkühlung zu tun haben, kommen wir in Schwierigkeiten.“

Während sich die Menschen in Europa an die Bilder der Mittelmeerflüchtlinge auf den Fernsehbildschirmen gewöhnt haben, bleibt die Tragödie für die Helfer auf dem Mittelmeer greifbar. Daran gewöhne man sich nie, bestätigt Mathilde Auvillain von der Hilfsorganisation „SOS Méditerranée“:

„Es ist nie normal, jemanden unter den eigenen Händen sterben zu sehen, die Tränen einer Frau zu sehen, deren Schwester vor ihren Augen stirbt, das wird nie normal, sich in so einer Situation zu befinden, mit so einer Notsituation auf dem Meer umzugehen und sich weit weg von der Aufmerksamkeit und der Hilfe Europas zu fühlen.“ (Quelle: Rdadio Vatikan, Deutsche Abteilung, 12. Dezember 2016)

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