Sr. Angelika Blochwitz

Sr. Angelika Blochwitz
segreteria@sccgen.org
Aktualisiert: 24. November 2011
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält
.
Rainer Maria Rilke

Rom, im November 2011

Liebe Schwestern!

Seit meinem Brief, den ich Ihnen vor der römischen Sommerpause geschrieben hatte, sind Monate vergangen. Während meines Deutschlandaufenthaltes habe ich fast alle von Ihnen bei den Präsentationen getroffen, als Schwester Anna und ich Ihnen über den Verlauf und die Ergebnisse der Erweiterten Generalratskonferenz in Wilmette berichtet haben. Nun stehen wir mitten im Spätherbst und bald beginnen wir den Advent. Es wird wieder Zeit für einen Bericht, um Sie ein wenig an unserem Leben in Rom und in der „Villa“ teilnehmen zu lassen.

Ab September gab es in der „Villa“ ein Kommen und Gehen. Als Feriengäste reisten Schwester Henrica und Schwester Mary Perpetua aus Paderborn an, die zwei Wochen in Rom verbrachten. Ende des Monats machte Schwester María Jesús aus der Chilenischen Provinz ein paar Tage „Station“ bei uns, ehe sie nach Mailand weiterreiste, wo sie ihre Schwester besuchte. Ende September kehrten Schwester Adalberta, Schwester Judith, Schwester María del Rosario und ich aus den verschiedenen Himmelsrichtungen nach Rom zurück, Schwester DeSales fand sich erst Anfang November wieder in der Villa ein, vollständig sind wir in unserem Konvent bis in den Dezember hinein nur selten.

Im Frühsommer hatten die Sakramentiner-Patres ihr Generalkapitel und Wahl der neuen Generalleitung. Eine der Konsequenzen ist, dass Pater Hans, der über viele Jahre so etwas wie unser „Hauskaplan“ war und die tägliche Messe im Wechsel in den vier Sprachen unserer Kongregation zelebrierte, Rom verlassen hat und seit August in Belgien neue Aufgaben wahrnimmt. Wir sind Pater Hans dankbar für seine verlässlichen Dienste, und wir sind auch dankbar für die Zusicherung der Patres der neuen Generalleitung, dass weiterhin jemand zum Messe lesen zu uns kommt. Im Augenblick muss sich diesbezüglich allerdings noch einiges einspielen.

Etwas, was uns gar nicht gefällt: Im gesamten Mittelmeerraum, in Italien und somit auch in Rom sterben immer mehr Palmen. Schuld daran ist ein Insekt, das aus Südostasien eingeschleppt worden ist: der rote Palmenrüsselkäfer. Diesem „Palmenkiller“ sind mittlerweile schon Abertausende von Palmen zum Opfer gefallen. Behandlungen gegen den Käfer sind teuer und bringen meist doch keinen Erfolg. Einzige Lösung ist das Fällen der verseuchten Bäume, die eingepackt und verbrannt werden müssen, und das ist ein teures Unternehmen. Vor zwei Jahren bereits hatten auch wir keine andere Wahl, als eine verseuchte Palme fällen zu lassen mit all dem entsprechenden „Drum und Dran“. Da hieß es noch, nur männliche Palmen würden befallen, inzwischen hat der Käfer auch die weiblichen Palmen „entdeckt“, was uns nun wahrscheinlich eine weitere Palme kosten wird.

Am 20. Oktober erlebten wir in Rom ein außergewöhnlich heftiges Unwetter. Stundenlange Wolkenbrüche verwandelten viele Straßen in reißende Flüsse, in denen Busse und Autos stecken blieben; das Gelände vom ehemaligen Circo Massimo füllte sich derart mit Wasser, dass Ruderboote darauf fahren konnten, die Untergrundbahn musste ihren Verkehr einstellen, weil Teile der Schächte überflutet waren, Wassermassen sprangen wie Kaskaden von hohen Treppen herunter, ein Mann kam ums Leben, als er versuchte, ein Familienmitglied zu retten. – Ein solches Unwetter hat Rom seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. – In unserem Viertel und bei der Villa selbst sind wir zum Glück ohne Schäden geblieben.

Für den 22. Oktober hatte Schwester Maria Immacolata für die „Amici di Paolina“, unsere Assoziierten, eine Wallfahrt nach Assisi organisiert, an der auch die Schwestern der Villa teilnahmen bis auf Schwester Judith und Schwester Clarentia, die das Haus „hüteten“. Obwohl der Wetterbericht gar nicht so gut ausgefallen war, hatten wir wider Erwarten angenehm warmes, trockenes Wetter und erlebten einen wunderschönen Tag. Für mich war es ein besonderes Geburtstagsgeschenk, weil fast auf den Tag genau vor einem Jahr wir in Assisi unseren Franziskus-Pilgerweg begonnen hatten. So freute ich mich, all die bedeutungsvollen Plätze noch einmal wiederzusehen. Viel Zeit hatten wir in der großen Basilika „Santa Maria degli Angeli“, die die kleine Portiunkula-Kapelle, das Zentrum und Herzstück des Franziskanerordens, regelrecht „ummantelt“. Portiunkula war die dritte verfallene Kirche, die Franziskus wiederhergestellt und wo er seinen entscheidenden Durchbruch erlebt hat. Hier begriff er schlagartig, was Gott von ihm erwartete: „Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel, nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg…“ (Mt 10,9ff) – Leider nicht in der Portiunkula-Kapelle selbst, sondern in einer Seitenkapelle feierten wir gemeinsam mit weiteren Pilgern die heilige Messe, ehe es hinaufging zur Oberstadt. Während der Mittagspause suchte ich weitere Orte auf, die in engerem Zusammenhang mit dem Leben des Franziskus stehen: das Geburtshaus, von dem der Lagerraum des Kaufmanns Bernardone zu einem kleinen Oratorium umgestaltet ist, die Kirche San Rufino, in der Franziskus getauft wurde mit dem Geburtshaus der heiligen Klara unmittelbar nebenan. Schließlich fand ich noch die uralte Kirche San Stefano aus dem 13. Jahrhundert, die mit Sicherheit auch dem heiligen Franziskus schon bekannt war. Diese Kirche liegt ein wenig abseits, so dass ich sie mehr oder minder für mich allein hatte.

Nach der Mittagspause besuchten wir die Basilika der heiligen Clara. Dort standen wir beeindruckt vor dem berühmten Kreuz, vor dem Franziskus in San Damiano gebetet und von dem Christus zu ihm gesprochen hat, und wir bewunderten die eindrucksvollen Gemälde. In der Krypta sahen wir in einem gläsernen Sarkophag den unverwesten Leichnam der heiligen Clara. Nach einem kurzen Gang durch die Altstadt/Oberstadt von Assisi beendeten wir unseren Pilgerweg in der Basilika San Francesco. Der Gebäudekomplex besteht aus einer Unter- und einer Oberkirche, die während des Erdbebens in den Achtziger Jahren schwer beschädigt worden war, nun aber wieder vollständig restauriert ist. Die Oberkirche ist mit Freskomalereien von Giotto geschmückt, auf denen das Leben des „Poverello“ dargestellt ist. Wir beschlossen unseren Rundgang in der Krypta, wo wir uns in den Strom der Gläubigen einreihten, um beim Grab des Heiligen zu beten.

Wenige Tage nach unserem Besuch in Assisi fuhr auch der Heilige Vater mit einer großen Delegation in einem Sonderzug aus dem Vatikan nach Assisi. 25 Jahre nach dem ersten Weltfriedenstreffen von Assisi hatte er erneut hochrangige religiöse Führer, darüber hinaus erstmalig auch nicht glaubende Menschen zu einem „Treffen für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt“ eingeladen. In einer Life-Übertragung des Fernsehens konnten wir Teile des Tagesprogramms, wie die Eröffnungsansprache des Papstes mit dem Thema: „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“ in der Basilika S. Maria degli Angeli in Assisi mitverfolgen.

In diesen Novembertagen, vor allem, wenn ich die herbstlich gefärbten Bäume und die Berge von abgefallenen Blättern sehe, kommt mir immer wieder einmal das Gedicht „Herbst“ von Rainer Maria Rilke in den Sinn. Es begleitete mich auch mit seinen tröstlichen, vertrauensvollen Zeilen, als wir am Sonntag vor dem Allerheiligentag unseren großen alten Friedhof, den „Campo Verano“ bei der Basilika „San Lorenzo“ besuchten. Wir nahmen uns Zeit für einen Rundgang und entdeckten auf dem ausgedehnten Friedhof Areale, die wir bislang noch nicht kannten. Typisch für Italien und ebenso für diesen Friedhof sind zahllose Grabstätten, die zu Hunderten in kleinen Nischen neben- und übereinander in viele Meter hohe Wände eingelassen sind. Es gibt aber auch zahlreiche Erdgrabstätten, die oft vollständig mit einer Steinplatte abgedeckt sind. Viele Ordensgemeinschaften haben auf dem „Campo Verano“ ihre großen Gruften. Darüber hinaus gibt es etliche Mausoleen in unterschiedlichen Ausmaßen, die bestimmten Familien gehören oder kirchlichen oder weltlichen Institutionen. Manche verfügen über Gebäude, die von der Größe eher Wohnhäusern entsprechen.

Besonders beeindrucken mich immer wieder die Begräbnisstätten für die Kinder, die in besonderer Weise etwas ahnen lassen von Trauer und von Schmerz, aber gleichermaßen von Hoffnung und von Verbundenheit. Es sind Hunderte von Grabstätten, auch sie in den hohen Wänden eingemauert, mit liebevoll geschmückten kleinen Nischen mit dem Bild des hier beigesetzten Kindes, Spielzeug, kleinen Engelfiguren, Blumen… - alles auf engstem Raum. – Monumental sind die Gedächtnisstätten für gefallene Soldaten und für Menschen, die während des Krieges Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Rom geworden waren. Zwei große Gräberfelder, ein älteres und ein neueres, erinnern daran, dass Rom eine lange jüdische Tradition hat, während das Gräberfeld für Verstorbene des muslimischen Glaubens erst vor wenigen Jahren angelegt worden ist. Schwungvolle persische Schriftzeichen auf dem Grabstein eines der wenigen Gräber weist auf einen jungen Iraner hin, der hier bestattet ist. - Wir besuchten auch das Armenbegräbnisfeld, wo Clara Pfänder, die Gründerin der Salzkottener Franziskanerinnen ihre letzte Ruhestätte gefunden hat, bedauerlicherweise ohne dass man den genauen Platz bestimmen kann. – In diesen Tagen ist der Friedhof sorgfältig gepflegt, entlang der öffentlichen Wege und auf Beeten sind Unmengen von Chrysanthemen gepflanzt. Zahlreiche Menschen begegnen uns, die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde besuchen. Außer der feierlichen Messe, die von einem Vatikan-Kardinal an Allerheiligen auf dem Campo Verano gefeiert wird, finden wir in den verschiedenen Sektionen des Friedhofs weitere Messankündigungen.

Einen Tag lang hatten wir Schwester María Luisa aus der Delegation Uruguay-Argentinien bei uns. Sie kam am 4. November von Buenos Aires nach Rom und flog gemeinsam mit Schwester Adalberta nach Quezon City zu unseren Schwestern, bei denen sie ein paar Wochen bei den Blinden mitarbeiten wird.

Vom 9. bis 14. November verbrachte Schwester Anna wechselweise in der Villa und im Campo Santo, um die Visitation durchzuführen. Nebel in München verursachte am Hin- und Rückflugtag ziemliche Verspätungen.

Im Herbst gibt es in unseren beiden römischen Konventen immer eine Reihe von Geburts- und Namenstagen, außerdem hat im Oktober das Goldjubiläumsjahr von Schwester Adalberta angefangen. Ihren Geburtstag zum vollendeten 70. Lebensjahr, Schwester Cecilias Namenstag und Thanksgiving als besonderen Feiertag unserer nordamerikanischen Mitschwestern haben wir in diesem Jahr „zusammengelegt“ und gemeinsam mit den Schwestern vom Campo gefeiert.

Wie nun schon seit vielen Jahren findet wieder am ersten Adventwochenende der „Mercantino“, der Weihnachtsbazar der Villa statt. Seit Wochen ist Schwester Maria Immaculata mit einer Gruppe von Frauen damit beschäftigt, in unserer Aula alle Sachen aufzubauen, die im Laufe des Jahres für den „Markt“ zusammengetragen oder vorbereitet worden sind, dazu gehören insbesondere die verschiedensten Marmeladen, eingelegte Gemüse, getrocknetes Gewürz und natürlich diverse Fruchtliköre, vor allem Limoncello, aber auch andere Sorten, wie Amaretto, Finochiello (Fenchellikör), Nusslikör, Nocino… und dann die vielen nützlichen und die dekorativen Dinge. Es ist jedes Mal spannend, wie erfolgreich der Verkauf verläuft. Das eingenommene Geld kommt verschiedenen Missionsprojekten zugute.

Erstaunt nahmen wir im Oktober zur Kenntnis, dass sich der deutsche Botschafter beim Vatikan nach nur einem Jahr Tätigkeit in Rom bereits wieder verabschiedete. Er hatte schlicht und einfach sein Pensionsalter erreicht. Unsere Bedenken, ob es wohl trotzdem eine Einladung in die Botschaft zum Adventstee für die deutschen Schwestern geben werde, wurden bald zerstreut. Von einer „Insiderin“ kam die gute Nachricht: der Adventstee findet statt. - Schön!

Das Jahresende, beziehungsweise die Adventszeit hält weitere „Highlights“ bereit: für die deutschsprachigen Schwestern findet am Samstag vor dem zweiten Advent wieder ein Besinnungstag statt, der achte Dezember, unser „Hochfest der Erwählung Marias“ steht vor der Tür, das Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum, kurz „Germanicum“, lädt zum dritten Advent zur diesjährigen Theateraufführung „Bunbury“ von Oscar Wilde ein, und wie schon erwähnt, dürfen wir uns auch wieder auf den vorweihnachtlichen Nachmittag beim deutschen Botschafter freuen.

In der Hoffnung, dass auch Sie sich auf den Advent und das Weihnachtsfest freuen, wünsche ich Ihnen eine gesegnete Zeit

Ihre

S. Angelika